Bamberg - Einer der größten Händler für Bierspezialitäten zieht sich aus dem Einzelhandel zurück: Die Bierothek hat Insolvenz angemeldet und gibt alle Ladengeschäfte auf. Jenes in der Wiener Neubaugasse - vor fünf Jahren vom Bier Guide als Biergeschäft des Jahres ausgezeichnet - hat schon vor längerer Zeit zugesperrt.
Die Insolvenz des Craftbierhändlers Bierothek markiert eine weitere Etappe in der Krise des spezialisierten Bierfachhandels im deutschsprachigen Raum. Vor allem erschwert es den kleinen Brauern - die keine Chance auf ein Listing in den großen Handelsketten haben - den Marktzugang. Umgekehrt wird es für Bierliebhaber, die das Besondere suchen, schwieriger, ausgefallene Spezialitäten "im Vorbeigehen" zu entdecken und zu kaufen.
Nachdem das Amtsgericht Bamberg die vorläufige Insolvenz sowohl über die Bierothek GmbH als auch über die Bierothek Marketplace GmbH angeordnet hat, stehen nun auch die verbliebenen stationären Standorte vor dem Aus. Der Geschäftsbetrieb läuft zwar im Rahmen der vorläufigen Insolvenzverwaltung formal weiter, doch werden Liquidität und Tragfähigkeit des Geschäftsmodells derzeit grundlegend geprüft. Aus dem Umfeld des Unternehmens ist zu hören, dass sämtliche Filialen abgewickelt werden sollen und sich die Bemühungen im Wesentlichen auf die Verwertung der vorhandenen Vermögenswerte konzentrieren.
Die Bierothek war 2013 als Fachhändler für Craftbier gestartet, mit dem Anspruch, aufwändiger hergestellte und daher auch teurere Biere kleiner und unabhängiger Brauereien in die Innenstädte und ins Bewusstsein eines städtischen Publikums zu bringen. Aus einem zunächst regionalen Konzept entwickelte sich innerhalb weniger Jahre eine Kette mit Filialen in mehreren deutschen Großstädten, einem Online‑Shop sowie Großhandels- und Franchiseaktivitäten. 2018 verfügte das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits über neun Standorte, auf dem Höhepunkt war von rund zwanzig Filialen die Rede. Kurz nach der Phase raschen Wachstums setzte jedoch eine Konsolidierung ein, in deren Verlauf schwächer laufende Standorte – darunter auch Wien – wieder aufgegeben wurden.
Preisgünstigere Biere bevorzugt
Die strukturellen Probleme im Craftbiermarkt wurden dadurch nicht behoben. Schon vor der Pandemie hatte sich die Nachfrage nach Szenebieren abgeschwächt; steigende Kosten, veränderte Konsumgewohnheiten und ein zurückhaltenderes Ausgehverhalten verstärkten diese Tendenz. Während der Bierkonsum insgesamt unter Druck steht, hat sich der Markt eher in Richtung preisgünstiger und breit verfügbarer Marken verschoben.
Die Zielgruppe für hochpreisige Spezialitäten ist relativ klein - und sie schrumpft, je größer der Preisabstand zu in Aktion verfügbaren Markenbieren wird. Gleichzeitig haben sich Craftbier-Trinker als wenig treu erwiesen: Sie probieren viele Biere nur einmal, um dieses Abenteuer quasi "abzuhaken". Die Nachfrage schwankt entsprechend und reagiert empfindlich auf konjunkturelle Unsicherheit und steigende Lebenshaltungskosten. Dass Industriebier im Supermarkt billig angeboten wird, nimmt dem spezialisierten Handel nicht unmittelbar die Kundschaft; entscheidend ist, dass die Zahl der Konsumenten, die regelmäßig mehr Geld für Vielfalt und Besonderheit ausgeben wollen, begrenzt bleibt.
In diesem Umfeld suchte die Bierothek wiederholt nach Partnern. 2023 stieg die Warsteiner‑Gruppe als strategischer Begleiter ein, um finanzielle und logistische Stabilität zu schaffen und Synergien in Beschaffung und Vertrieb zu nutzen. Bereits 2024 wurde diese Kooperation wieder beendet, ohne dass sich ein tragfähiger Wachstumspfad abgezeichnet hätte. Parallel setzte die Bierothek auf Kooperationen mit digitalen Plattformen wie Untappd sowie auf Geschenk- und Probierpakete in Zusammenarbeit mit Anbietern wie Kalea, um zusätzliche Kundengruppen zu erreichen und die Frequenz im Online‑Shop zu steigern. Diese Initiativen änderten nichts an der grundlegenden Abhängigkeit von einem Nischensegment, dessen Dynamik nach dem ersten Boom deutlich nachgelassen hat.
Online-Handel könnte weitergehen
Für die Belegschaft bedeutet das Insolvenzverfahren zunächst eine Atempause: Die Löhne und Gehälter sind über das Insolvenzgeld befristet gesichert, während die wirtschaftliche Lage der Gruppe im Detail analysiert wird. Im Mittelpunkt stehen die Sicherung der Liquidität und die Prüfung, ob eine Fortführung einzelner Geschäftsteile – etwa des Online‑Handels oder des Marktplatzes – unter einem veränderten Konzept möglich ist. Offiziell heißt es, der Betrieb laufe vorerst weiter; Bestellungen würden wie gewohnt bearbeitet, der digitale Marktplatz stehe den Brauereien zur Verfügung. Unter Branchenbeobachtern ist die Erwartung jedoch verbreitet, dass das bisherige Filialmodell kaum in Gänze zu retten sein dürfte.
Die Entwicklung fügt sich in eine breitere Konsolidierungsbewegung im Craftbiersegment ein. In den Jahren des Booms galt das Versprechen, die Bierlandschaft dauerhaft zu verändern: Neue Kleinbrauereien, Bars und Fachgeschäfte traten mit einem Sortiment an IPA, Stout und exotisch gehopften Spezialitäten an, um ein Publikum für neue Geschmacksprofile zu gewinnen. Inzwischen hat sich gezeigt, dass diese Welle an Grenzen stößt. Der Alkoholkonsum geht zurück, gesundheitsbewusste Lebensstile gewinnen an Gewicht, und ein Teil der einst neugierigen Kundschaft greift wieder häufiger zu vertrauten, günstigeren Marken. Für Fachhändler, die sich auf ein breites, erklärungsbedürftiges Sortiment stützen, bedeutet das eine schwierige Balance: Sie müssen Vielfalt bieten, um sich vom Lebensmitteleinzelhandel abzuheben, treffen aber auf eine Kundschaft, die ihre Experimente reduziert.
Hohe Logistikkosten, viel Konkurrenz
Hinzu kommt, dass das von der Bierothek verfolgte Omnichannel‑Modell sich als weniger stabil erwiesen hat als erhofft. Der Versand glasverpackter, kühl- und bruchempfindlicher Ware verursacht hohe Kosten; Lagerhaltung, Bruchquote und Retouren schlagen im Ergebnis stärker zu Buche als in vielen anderen Handelssegmenten. Gleichzeitig haben Supermärkte und Getränkefachmärkte ihr Angebot an Bierspezialitäten erweitert, sodass ein Teil der früheren Alleinstellungsmerkmale des Fachhandels verblasst ist. In Wien etwa finden sich heute in gut sortierten Märkten sowohl internationale Marken als auch regionale Kleinserien, während für ein reines Spezialitätengeschäft das notwendige Volumen nur schwer zu erreichen ist.
Mit der Insolvenz der Bierothek‑Gruppe und der absehbaren Schließung der verbliebenen Filialen verliert die Craftbier‑Szene einen Anbieter, der in der vergangenen Dekade vielerorts sichtbar war und Verkostungen, Seminare sowie thematische Aktionen rund um Brauereien und Bierstile organisiert hat. Die Lücke im stationären Handel muss nicht zwingend von neuen Fachhändlern geschlossen werden: Brauereien, Gastronomie und digitale Direktvertriebsmodelle haben in den vergangenen Jahren eigene Wege zum Kunden etabliert. Ob sich angesichts eines veränderten Konsumklimas noch einmal ein Filialkonzept nach dem Vorbild der Bierothek durchsetzen kann, bleibt offen.