London - Die Meldung passte zu einer Brauerei, die sich lange als unerschütterlicher Störenfried der Branche inszeniert hatte: BrewDog, einst Aushängeschild der britischen Craft-Beer-Bewegung, lotet einen Eigentümerwechsel aus und hat Beratern den Auftrag erteilt, Optionen bis hin zum Verkauf des Unternehmens zu prüfen. Zugleich zieht sich die Firma aus einem Geschäftsfeld zurück, das als nächster Wachstumsschritt gedacht war: Die Brennerei im schottischen Ellon wird abgewickelt, die Spirituosenmarken werden eingestellt – und der Whisky der Marke BrewDog ist nie regulär auf den Markt gekommen.
In Schreiben an die Belegschaft und öffentlichen Stellungnahmen betont das Unternehmen, es handle sich um eine routinemäßige Überprüfung strategischer Optionen in einem „anspruchsvollen wirtschaftlichen Umfeld“. Gleichwohl ist der Schritt ein Bruch mit einer Erzählung, die BrewDog über Jahre gepflegt hat: Die Brauerei hatte sich immer wieder als Wachstumsfall und als Kandidat für einen Börsengang präsentiert, unterstützt von einem breit gestreuten Aktionariat aus rund 220.000 Kleinanlegern, die über das Programm „Equity for Punks“ Anteile zeichneten. Nun steht im Raum, dass ein Verkauf den Wert dieser Beteiligungen deutlich schmälern könnte.
Die nun eingeschaltete Beratungsgesellschaft AlixPartners soll Interessenten sondieren, erste Angebote werden Berichten zufolge in kurzer Frist erwartet. In Frage kommen sowohl strategische Investoren aus der Branche als auch Finanzinvestoren, die Teile des Unternehmens herauslösen könnten. Eine Zerschlagung ist ausdrücklich eine Option: Neben der Brauerei in Ellon mit ihren internationalen Dependancen in den Vereinigten Staaten, Australien und Deutschland betreibt BrewDog ein Netz von Bars, das sich in den vergangenen Jahren schnell ausgedehnt hatte.
Dass die Expansion ihren Preis hatte, zeigen die veröffentlichten Zahlen der vergangenen Jahre: Für 2023 weist das Unternehmen einen Verlust von 59 Millionen Pfund aus, für 2022 waren es 30,5 Millionen Pfund vor Steuern, bei einem Umsatz im niedrigen dreistelligen Millionenbereich. Bereits zuvor hatte BrewDog in Großbritannien zehn Bars geschlossen, darunter das Flaggschiff in Aberdeen. Parallel dazu klagten unabhängige Wirte darüber, Biere der Marke von den Zapflisten genommen zu haben; Punk IPA sei mittlerweile in knapp zweitausend Pubs nicht mehr vertreten, in fast ebenso vielen sei BrewDog vollständig ausgelistet.
Vor diesem Hintergrund wirkt der Rückzug aus der Brennerei wie ein Versuch, die Geschäftstätigkeit zu konzentrieren. BrewDog Distilling Co, der 2015 gegründete Brennereizweig in Ellon, beendet in den kommenden Monaten die Herstellung seiner Marken Lonewolf Gin, Abstrakt Vodka, Duo Rum, Casa Rayos Tequila und Ron Bodega. Nur eine Linie vorgemischter Cocktails unter dem Namen „Wonderland“ wird fortgeführt. Die Brennerei, einst als LoneWolf Distillery gestartet, steht damit vor einer ungewissen Zukunft; der Standort wird überprüft, Details zu möglichen Stellenstreichungen gibt das Unternehmen bislang nicht an.
Die Whiskypläne nehmen in dieser Geschichte einen eigenen Platz ein. BrewDog hatte früh angekündigt, in Ellon auch Whisky zu produzieren und sich dabei nicht mit kleinen Versuchsreihen zu begnügen. Ein erstes Fassprogramm wurde an investitionsfreudige Kunden vermarktet, die Fässer wurden vor wenigen Jahren bei einer Auktion eines britischen Whiskyhändlers versteigert und erzielten zusammen etwa 250.000 Pfund. Diese Fässer, die nun zu den wenigen greifbaren Zeugnissen der Brennereiambitionen zählen, haben den Whisky nie in Form einer regulären Markteinführung erleben lassen. Die laufende Produktion wurde beendet, bevor eine eigene Marke in nennenswerter Menge in den Handel gelangen konnte.
Dazu passt die Begründung, mit der BrewDog den Rückzug aus den Spirituosen erklärt: Der Markt sei stark umkämpft, man müsse die eigenen Mittel auf Geschäftsfelder konzentrieren, in denen sich für das Unternehmen realistische Wachstumsaussichten abzeichnen. Gemeint ist vor allem das Kerngeschäft mit Bier – Marken wie Punk IPA, Hazy Jane und Wingman – sowie die weiterhin priorisierte Cocktaillinie. Das entspricht einem Muster, das derzeit in Teilen der Branche zu beobachten ist: Auch andere unabhängige Brauereien in Großbritannien haben angesichts gestiegener Kosten und veränderter Nachfrage ihr Portfolio bereinigt oder sich Investoren geöffnet.
Für die Gründer James Watt und Martin Dickie markiert die Entwicklung einen weiteren Einschnitt. Dickie hat das Unternehmen bereits verlassen, Watt trat 2024 als Vorstandschef zurück, hält aber weiterhin einen bedeutenden Anteil und bringt sich nach Medienberichten nun selbst als möglicher Käufer ins Spiel. Demnach sondiert er Finanzpartner, um im Zuge eines Verkaufsprozesses wieder die Kontrolle über die Brauerei zu gewinnen. Die übrigen Eigentümer, darunter der amerikanische Finanzinvestor TSG Consumer Partners mit 21 Prozent, müssen sich entscheiden, ob sie einen solchen Schritt unterstützen.
Für die Belegschaft, verteilt auf die Braustandorte und die internationale Barkette, bleibt die Lage vorerst unklar. Die Unternehmensführung betont in internen Mitteilungen, der Betrieb laufe normal weiter, Bars und Brauereien blieben geöffnet, und kurzfristig seien weder Schließungen noch Massenentlassungen beschlossen. Gleichzeitig ist offensichtlich, dass ein Verkauf oder eine Zerschlagung der Gruppe Auswirkungen auf Strukturen und Beschäftigung hätte.
Die Geschichte von BrewDog, die mit einem kleinen Betrieb in Fraserburgh begann und in kurzer Zeit ein internationales Netzwerk aus Brauereien und Bars hervorbrachte, ist damit an einem Wendepunkt angekommen. Dass ausgerechnet das ambitionierte Brennereiprojekt ohne eine dauerhaft im Handel erhältliche Whiskymarke endet, unterstreicht, wie schmal der Grat zwischen Markenaufbau und Überforderung eines Geschäftsmodells sein kann. Wie der nächste Eigentümerkreis aussieht – und ob die Kleinaktionäre mehr als eine historische Fußnote bleiben –, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.