Britische Regierung will nun doch die Pubs entlasten

von Conrad Seidl 27/01/2026
Nachrichten
Britische Regierung will nun doch die Pubs entlasten

London - Die britische Regierung will mit einem neuen Hilfspaket im Volumen von rund 100 Millionen Pfund pro Jahr die Lage der Pubs stabilisieren und reagiert damit auf heftige Kritik an gestiegenen Betriebskosten und einer als einseitig empfundenen steuerlichen Belastung der Branche. Dies berichtet die gewöhnlich gut informierte Wirtschaftsjournalistin Phoebe Fraser im Fachmedium Morning Advertiser.

Das Paket, das bis voraussichtlich 2029 laufen und gezielt nur Pubs, nicht aber Restaurants oder Hotels entlasten soll, markiert zugleich eine teilweise Kehrtwende bei der Reform der Gewerbesteuer („business rates“), deren Folgen für viele Betriebe deutlich höher ausfallen als zunächst angekündigt.

Auslöser des Umdenkens ist die Kombination aus höheren Bewertungen von Gewerbeimmobilien, dem Auslaufen pandemiebedingter Erleichterungen und zusätzlichen Steueranhebungen, die vor allem kleinere und mittelgroße Betriebe an die Grenze der Rentabilität gebracht haben. Branchenverbände wie UKHospitality rechnen damit, dass die durchschnittliche Belastung durch Geschäftssteuern für Pubs in den kommenden drei Jahren um etwa 76 Prozent steigt, während Hotels mit Zuwächsen von mehr als 100 Prozent konfrontiert sind – ein Gefälle, das den politischen Druck verstärkt hat, zumindest für Schankbetriebe gezielte Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Zugleich haben steigende Energiepreise, höhere Lohnkosten und eine Anhebung der Alkoholsteuer dazu geführt, dass viele Gastrobetriebe ihre Öffnungszeiten gekürzt oder das Angebot ausgedünnt haben, obwohl die Nachfrage in vielen Regionen stabil geblieben ist.

Unmut unter Gastronomen

In den vergangenen Wochen war der Unmut der Branche zunehmend öffentlich sichtbar geworden, nachdem Kanzlerin Rachel Reeves an ihrer Linie festgehalten und zunächst lediglich auf langfristig niedrigere Steuersätze für die Gastronomie verwiesen hatte. Mehrere Wirte erklärten daraufhin, Abgeordnete der Regierungspartei nicht mehr bedienen zu wollen; Verbände warnten vor Hunderten weiterer Schließungen, sollte es bei der Kombination aus höheren Steuern und steigenden Fixkosten bleiben. Die nun angekündigte Entlastung für Pubs wird von vielen Betroffenen daher eher als Schadensbegrenzung denn als Neuausrichtung der Standortpolitik verstanden, zumal grundlegende Strukturreformen des Steuersystems aus Sicht der Branche ausstehen.

Für die Regierung ist der Kurswechsel auch eine Reaktion auf die symbolische Bedeutung des Pubs im britischen Alltagsleben. Die Schankstube gilt vielerorts als sozialer Treffpunkt, als Ort politischer Debatte und informeller Nachbarschaftspflege und ist vor allem auf dem Land häufig die letzte verbliebene öffentliche Infrastruktur neben dem Dorfladen. Mit jeder Schließung geht nicht nur ein Gewerbebetrieb verloren, sondern ein Ort, an dem Vereine tagen, Wohltätigkeitsveranstaltungen organisiert werden und lokale Identität gestiftet wird – ein Argument, das Verbände seit Jahren gegenüber Politik und Verwaltung vorbringen. Dies erklärt mit, warum der Schatzkanzler nun ausdrücklich auf den „gemeinsamen Wert“ der Pubs für Gemeinden verweist, obwohl die allgemeine Linie in der Haushaltspolitik auf Ausgabendisziplin ausgerichtet bleibt.

Die Interessenvertretung Camra, die sich traditionell für Real Ale und den Erhalt von traditionellen Pubs einsetzt, reagierte in den vergangenen Monaten mit ungewöhnlich scharfen Stellungnahmen auf die Steuerpolitik. Ihr Vorsitzender sprach nach dem letzten Haushalt von einem „düsteren Tag“ für Gäste, Pubs und Brauereien und kritisierte besonders die Kombination aus höheren Alkoholabgaben und dem Wegfall eines 40-prozentigen Nachlasses auf die Gewerbesteuer, der viele Wirte vor zusätzliche Belastungen stelle. Camra fordert seit längerem, den Konsum in der Gastronomie steuerlich anders zu behandeln als den Kauf von Alkohol im Einzelhandel, etwa durch niedrigere Abgaben auf im Pub ausgeschenktes Bier und Ale und eine dauerhafte Senkung der laufenden Fixkosten für Betriebe mit klarer Gemeindefunktion.

Die nun vorbereitete Entlastung bewerten Verbände als Schritt in die richtige Richtung, zugleich aber als befristete Maßnahme in einem strukturell angespannten Umfeld. Die britische Bier- und Pubvereinigung (BBPA) begrüßte zwar die Einsicht der Regierung, dass Pubs wirtschaftlich und gesellschaftlich eine besondere Rolle spielten, verwies aber auf die Notwendigkeit umfassender Reformen von Geschäftssteuern, Alkoholabgaben und Regulierung, um Investitionen zu ermöglichen. Auch Camra hatte die im Wahlkampf angekündigte Abkehr von kurzfristigen Rabattprogrammen hin zu einem dauerhaft „gerechteren“ Steuersystem als Voraussetzung genannt, um weitere Schließungen zu verhindern und kleinere Brauereien zu stützen.

Verschiebung des Konsums

Die Entwicklung der Bierbranche zeigt, wie eng die wirtschaftliche Lage von Brauereien und Pubs miteinander verknüpft ist. Der Absatz in traditionellen Schankbetrieben ist in den vergangenen Jahren unter Druck geraten, weil Gäste aus Kostengründen häufiger zu Hause konsumieren oder auf alkoholärmere Angebote ausweichen, während zugleich der Markt für Spezial- und Craft-Biere gewachsen ist. Zahlreiche kleinere Brauereien haben ihre Produktion an die veränderte Nachfrage angepasst, neue Vertriebswege erschlossen und versuchen, über Direktlieferungen und Veranstaltungen ihre Bindung an lokale Pubs zu erhalten, doch treffen sie dabei auf dieselben Kostensteigerungen wie die Wirtshäuser selbst.

Wirtschaftsdaten der Verbände weisen darauf hin, dass die Zahl der Schankbetriebe trotz pandemiebedingter Zwischenhochs weiter tendenziell sinkt, während einige größere Betreiberketten ihr Portfolio bereinigen und sich auf vermeintlich lukrativere Lagen konzentrieren. In ländlichen Regionen und strukturschwachen Stadtteilen verstärkt dies die Sorge, dass sich wirtschaftliche und soziale Ausdünnung gegenseitig verstärken, wenn geschlossene Pubs kaum noch Nachnutzer finden. Für die Brauwirtschaft bedeutet jede Schließung zugleich den Verlust eines Vertriebskanals, weshalb sich viele Hersteller an Kampagnen für „independent pubs“ beteiligen, bei denen der Verkauf bestimmter Biere oder Aktionswochen gezielt an die Unterstützung eigenständiger Betriebe geknüpft wird.

Die nun geplante Entlastung bei den Geschäftssteuern verschiebt diesen Trend nicht grundlegend, kann aber einigen Betrieben Zeit verschaffen, ihr Geschäftsmodell anzupassen. In Branchenkreisen wird daher weniger über kurzfristige Mehreinnahmen diskutiert, sondern darüber, ob die Regierung bereit ist, die Sonderstellung des Pubs dauerhaft im Steuersystem zu verankern – etwa durch niedrigere Sätze bei Gewerbesteuer und Alkoholabgaben für Betriebe, die überwiegend Fassbier im Ausschank führen und eine nachweisbare Gemeindefunktion erfüllen. Die Entscheidung darüber, ob das Pub künftig vor allem als regulärer Wirtschaftsbetrieb oder als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge behandelt wird, beeinflusst nicht nur die Bilanz einzelner Häuser, sondern auch die Frage, welche Rolle das Pub im Vereinigten Königreich langfristig spielen kann.

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