Die Mär vom billigen Alkohol in Österreich

von Conrad Seidl 08/01/2026
Nachrichten
Die Mär vom billigen Alkohol in Österreich

Wien/Berlin - Zu Beginn des von Alkoholgegnern propagierten "Dry January" gab es wieder Schlagzeilen wie "Alkohol in Österreich 11 Prozent billiger als im EU-Schnitt" (Der Standard), "Alkohol-Hammer! Österreich unter den billigsten der EU" (Heute) oder "Alkoholische Getränke in Deutschland billig zu haben" (Tagesschau).

In Österreich und Deutschland kostet Bier im europäischen Vergleich tatsächlich eher wenig, doch die Preisunterschiede zwischen Handel und Gastronomie sowie die steuerpolitischen Rahmenbedingungen verleihen dem Markt eine eigene Dynamik. Während Konsumenten von einem im EU-Vergleich unterdurchschnittlichen Preisniveau profitieren, zeichnen Vertreter der Braubranche und der Gastronomie ein Bild zunehmender Belastungen.​ 

Starke Preisunterschiede

Ausgangspunkt der aktuellen Debatte sind neue europäische Vergleichszahlen, die zeigen, dass alkoholische Getränke in Österreich im Einzelhandel um rund elf Prozent unter dem Durchschnitt der Europäischen Union liegen, während Deutschland noch etwas stärker unter dem EU-Schnitt positioniert ist. Nur in wenigen Mitgliedstaaten, insbesondere Italien, ist Alkohol im Laden noch günstiger, während nordeuropäische Länder wie Finnland und Dänemark ein deutlich höheres Preisniveau ausweisen.

Billigbier aus dem Supermarkt

Für Biertrinker in Wien, Berlin oder München bedeutet dies, dass sie im Supermarkt trotz anhaltender Inflation weiterhin weniger bezahlen als viele Haushalte in Westeuropa.​ Und zwischen Österreich und Deutschland gibt es nochmals ein Preisgefälle, wie etwa "Heute" berichtet: "Grenzverkehr der besonderen Art spielte sich rund um den Jahreswechsel in Schärding und dem benachbarten Neuhaus am Inn ab. Die dortigen Getränkemärkte wurden von den Schärdingern sprichwörtlich gestürmt – kistenweise wurde Bier gekauft, vor allem das Baumgartner Bier aus der eigenen Stadt. Der Grund: In Bayern ist die Kiste ganze vier Euro billiger als in Oberösterreich."

Die relativ moderaten Ladenpreise stehen dabei in einem Spannungsverhältnis zur Steuerstruktur, die in Österreich seit Jahren Gegenstand von Kritik ist. Grundlage ist die Biersteuer, die sich nach Stammwürzegehalt und Volumen bemisst und je Hektoliter und Grad Plato mit zwei Euro ins Gewicht fällt; kleinere unabhängige Brauereien erhalten zwar abgestufte Ermäßigungen, sehen darin jedoch eher eine teilweise Kompensation als einen Standortvorteil. Vertreter österreichischer Brauereien verweisen regelmäßig darauf, dass Bier angesichts dieser Abgabenbelastung fiskalisch strenger behandelt werde als in manch anderem EU-Land und sprechen von einem Wettbewerbsnachteil gegenüber großen internationalen Konzernen und Importeuren.​

In Deutschland ist die Debatte anders gelagert: Auch dort liegen die Preise für Bier, Wein und Spirituosen im Einzelhandel klar unter dem EU-Durchschnitt, doch rückt zunehmend das Konsumverhalten in den Vordergrund. Kampagnen wie der „Dry January“ verstärken langfristige Trends zu einem geringeren Alkoholkonsum, wie Auswertungen des Statistischen Bundesamts über sinkende Verkaufszahlen im Januar nahelegen. Die Branche beobachtet, dass Verbraucher bei alkoholischen Getränken selektiver und preissensibler entscheiden, ohne dass der Markt insgesamt einbricht.​

Zurückhaltung in der Gastro

Dieses veränderte Verhalten zeigt sich besonders deutlich in der Gastronomie. Der Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA berichtet, Gäste hielten sich bei alkoholischen Getränken zunehmend zurück und führten dies intern vor allem auf ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein und eine allgemein höhere Preissensibilität zurück. In Umfragen des Verbands ist von einer wachsenden Konsumzurückhaltung die Rede, die sich nicht nur auf klassische Spirituosen, sondern auch auf Bier und begleitende Menüangebote erstreckt.​

International fällt der Blick auf die Bierpreise in Österreich und Deutschland damit ambivalent aus. Einerseits positionieren beide Länder sich preislich im unteren Drittel der EU-Skala für Alkohol, was Grenz- und Einkaufstourismus begünstigt und den heimischen Handel stärkt. Andererseits verweist der Vergleich mit Hochpreisstaaten wie Finnland, wo Alkohol mehr als doppelt so viel kostet wie im EU-Durchschnitt, auf den politischen Spielraum, den fiskalische Lenkungsmaßnahmen bieten könnten. In Brüssel und in nationalen Gesundheitsbehörden wird seit Längerem diskutiert, ob eine Angleichung der Verbrauchsteuern ein geeignetes Mittel wäre, um den Konsum zu steuern, ohne die Binnenmärkte übermäßig zu verzerren.​

Unfaire Biersteuer

Für die österreichische Brauwirtschaft bleibt die Frage, inwieweit die Steuerlast auf Bier und die Preisgestaltung in Gastronomie und Handel die Investitions- und Innovationsfähigkeit der Betriebe beeinflussen. Brauereivertreter argumentieren, dass jede zusätzliche fiskalische Maßnahme die Spielräume für Sortenvielfalt, regionale Rohstoffe und energieeffiziente Produktion einengen könnte und damit langfristig auch die Marktposition gegenüber internationalen Marken schwäche. In Deutschland wiederum steht weniger die Höhe der Biersteuer im Zentrum als die Herausforderung, in einem Markt mit rückläufigem Pro-Kopf-Konsum neue Zielgruppen zu erreichen, etwa über alkoholfreie oder alkoholreduzierte Produkte.​

Im internationalen Vergleich entstehen so zwei unterschiedliche, aber eng verknüpfte Bilder: Österreich und Deutschland zählen zu den Ländern, in denen Bier im Laden relativ günstig ist, gleichzeitig aber über Steuer- und Gesundheitspolitik intensiv über die gesellschaftlichen Folgen dieses Preisniveaus diskutiert wird. Für Verbraucher bedeutet dies vorerst ein breit verfügbares und im europäischen Kontext moderat bepreistes Angebot, für Brauer und Gastronomen hingegen eine Gemengelage aus Kosten- und Regulierungsdruck, sich wandelnden Konsumgewohnheiten und unsicheren politischen Rahmenbedingungen.

https://www.heute.at/s/bier-4-euro-billiger-oesterreicher-shoppen-in-ba…