Heineken-Chef geht wegen mieser Geschäftslage

von Conrad Seidl 14/01/2026
Nachrichten
Heineken-Chef geht wegen mieser Geschäftslage

Amsterdam - Der niederländische Braukonzern Heineken steht vor einem Führungswechsel, der als Reaktion auf einen schwachen Geschäftsgang und zunehmenden Druck von Investoren gelesen wird. Konzernchef Dolf van den Brink, seit 2020 Vorstandsvorsitzender, wird sein Amt zum 31. Mai 2026 niederlegen; der Aufsichtsrat hat die Suche nach einer Nachfolge eingeleitet. Formal ist von einer einvernehmlichen Entscheidung und einem geordneten Übergang die Rede, doch der Zeitpunkt des Abgangs fällt mit einer Phase stagnierender Umsätze, sinkender Bierabsätze und verfehlter Erwartungen am Kapitalmarkt zusammen.​

In den vergangenen Jahren war Heineken wiederholt gezwungen, Prognosen zum Absatz nach unten zu korrigieren, während Anleger weniger auf die über Preissteigerungen gestützten Erlöse und stärker auf die tatsächlichen Volumina blickten. 2025 warnte der Konzern vor einem weiteren Rückgang des Bierabsatzes im laufenden Jahr und stellte die Märkte damit auf ein Umfeld ein, in dem das traditionelle Wachstumsmuster der Branche nicht mehr greift. Parallel dazu belasteten Konjunktursorgen, Inflation und ein anhaltender Trend zu alkoholfreien Alternativen den klassischen Bierkonsum in Europa und Lateinamerika.​

Konzentration auf rentable Märkte

Besonders deutlich wurde die strukturelle Spannung im Geschäftsmodell, als Heineken seine mittel- bis langfristigen Ziele bekräftigte und zugleich eingestehen musste, dass Umsatzsteigerungen im mittleren einstelligen Prozentbereich nur durch eine klare Fokussierung auf rentable Märkte erreichbar schienen. Gegenüber Analysten erläuterte van den Brink im vergangenen Herbst, der Konzern wolle Investitionen auf 17 Kernländer konzentrieren und sich von schwächeren Standorten trennen. Diese Konzentration ist Ausdruck eines strategischen Kurses, der Effizienz und Cashflow in den Vordergrund rückt, jedoch das Bild eines Unternehmens verstärkt, das auf schrumpfende Volumina reagiert, anstatt in breiter Front zu expandieren.​

Auf operativer Ebene setzte Heineken einen Umbau seines Konzernsitzes in Amsterdam in Gang und kündigte dabei den Abbau von mehreren Hundert Stellen an. Die Neuordnung der Strukturen, einschließlich des Ausbaus zentraler Service-Einheiten und eines mehrjährigen Digitalprogramms, soll die Kostenbasis senken und die Steuerung der weltweit rund 70 Märkte vereinheitlichen. Gleichwohl folgte auf die Ankündigung des CEO-Wechsels ein Kursrückgang der Aktie, was den Vorbehalt der Investoren gegenüber der Ertragskraft des Hauses in einem stagnierenden Marktumfeld unterstreicht.​

Unzufriedene Aktionäre

In den Niederlanden wurde van den Brinks Schritt als Ende einer lange vorbereiteten Ära beschrieben, in der der Manager den Konzern durch Pandemie, Kosteninflation und geopolitische Verwerfungen geführt hatte. Medien wie „De Telegraaf“ und das Wirtschaftsblatt „Het Financieele Dagblad“ verweisen darauf, dass der Rückzug mit den rückläufigen Umsätzen des Jahres 2025 zusammenfällt und damit den Eindruck verstärkt, dass Aktionäre auf einen Kurswechsel drängen. Auch internationale Blätter heben hervor, dass der Abschied in eine Phase fällt, in der der weltweit zweitgrößte Brauer Marktanteile verteidigen muss und die eigenen Ziele unter Beobachtung stehen.​

Von New York aus wird der Führungswechsel nüchtern als Reaktion auf fallende Verkäufe und gedämpfte Nachfrage interpretiert. Die „New York Post“ verweist auf die Spannung zwischen dem Anspruch der EverGreen-Strategie, bis 2030 ein verlässliches Wachstum zu liefern, und der Realität einer Branche, die sich mit Gesundheitsbewusstsein, Konkurrenz durch andere Getränke und neuen Konsumgewohnheiten auseinandersetzen muss. Der Abgang eines Vorstandschefs nach knapp sechs Jahren gilt in diesem Licht weniger als personale Zäsur, sondern als Symptom eines Marktes, der etablierte Geschäftsmodelle infrage stellt.​

Die deutschen und niederländischen Berichte über den Konzern zeichnen ein Bild von einem Traditionsunternehmen, das sich stärker als in früheren Jahrzehnten rechtfertigen muss. So betonen Branchenmedien wie „Brauwelt“, dass die Erwartung vieler Anteilseigner, Kapital dort einzusetzen, wo sich Renditen schnell und verlässlich einstellen, den Spielraum für langfristige Experimente begrenzt. In der Folge wird der Druck auf das Management, kurzfristig sichtbare Verbesserungen bei Marge und Cashflow zu liefern, größer als der Raum für behutsame Anpassungen im Portfolio.​

Alkoholfrei kann Lagerbier nicht ersetzen

Zugleich illustriert der Fall Heineken eine breitere Entwicklung in der internationalen Getränkeindustrie, die sich auf den Trend zu alkoholfreien und kalorienärmeren Varianten einstellen muss. Berichte etwa aus dem deutschen Markt heben hervor, dass auch große Braukonzerne hier in eine Phase geraten sind, in der neue Produkte nicht mehr automatisch die Rückgänge im Kernsegment kompensieren. Heinekens Bemühungen, mit Null- und Niedrigprozentbieren sowie Mischgetränken neue Zielgruppen anzusprechen, reichen bisher nicht aus, um den Volumenrückgang im traditionellen Lager- und Pilsbereich nachhaltig zu überdecken.​

Der anstehende Führungswechsel ist daher mehr als eine Personalie in der Amsterdamer Konzernzentrale. Für den Aufsichtsrat geht es bei der Wahl der nächsten Spitze darum, ein Profil zu finden, das sowohl den Forderungen der Finanzmärkte nach verlässlicher Wertschöpfung entspricht als auch den notwendigen Umbau in einem sich wandelnden Konsumentenmarkt gestaltet. Wie eng die künftige Unternehmensführung dabei an kurzfristige Vorgaben der Aktionäre gebunden sein wird, dürfte sich nicht zuletzt daran zeigen, wie konsequent Heineken bereit ist, sich aus schwächeren Märkten zurückzuziehen und gleichzeitig in neue Kategorien zu investieren.

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