Wien - Hopfen, botanisch Humulus lupulus, ist in Österreich zur Arzneipflanze des Jahres 2026 gekürt worden. In der Bierbrauerei prägt er nicht nur Bittere und Aroma, sondern trägt mit seinen Harzen und Bitterstoffen wesentlich zur Haltbarkeit bei, weil er bierschädliche und coliforme Keime unterdrückt und so das mikrobiologische Profil des Getränks stabilisiert. Zu den bedeutendsten Anbaugebieten zählen die Hallertau in Bayern, Yakima Valley im US‑Bundesstaat Washington, Kent in England sowie Regionen in Tschechien und Slowenien; in Österreich sind etwa das Mühlviertel, das Leutschach‑Gebiet in der Südsteiermark und Teile des Waldviertels prägende Hopfenlandschaften.
Die Herbal Medicinal Products Platform Austria, ein Zusammenschluss von Fachleuten mehrerer österreichischer Universitäten, verweist mit der Auszeichnung auf das breite pharmakologische Wirkprofil des Hopfens, das über seine technologische Rolle im Bier deutlich hinausgeht. Nach Artischocke und Safran rückt damit eine Kletterpflanze aus der Familie der Hanfgewächse in den Vordergrund, deren weibliche Blütenstände, die Hopfendolden, den Hauptteil der arzneilich genutzten Inhaltsstoffe liefern.
Hopfen hilft beim Einschlafen
Im Fokus steht die Wirkung auf Schlaf und Psyche, die durch klinische und experimentelle Untersuchungen gestützt wird. In Kombination mit Baldrian und anderen pflanzlichen Sedativa wird Hopfen zur Linderung leichter nervöser Unruhezustände und bei Einschlafstörungen eingesetzt, meist in Form traditioneller pflanzlicher Arzneimittel. Studien beschreiben eine sedierende Wirkung der Bitterstoffe und ätherischen Öle, die die motorische Aktivität mindern und die Schlafkontinuität verbessern können.
Ein weiterer Anwendungsbereich betrifft Beschwerden in der Menopause. Verantwortlich ist vor allem das Prenylflavonoid 8‑Prenylnaringenin, das an Östrogenrezeptoren bindet und in klinischen Untersuchungen Hitzewallungen und andere klimakterische Symptome messbar, wenn auch begrenzt, verringert hat. Für viele Patientinnen stellt Hopfen damit eine Option zwischen hormoneller Behandlung und rein nicht medikamentösen Maßnahmen dar, deren Nutzen individuell unterschiedlich ausfallen kann.
Besondere Aufmerksamkeit erhält in diesem Zusammenhang das Polyphenol Xanthohumol. Ihm werden antioxidative, entzündungshemmende, stoffwechselmodulierende und potenziell antikanzerogene Wirkungen zugeschrieben, die vor allem aus Labor- und Tiermodellen bekannt sind. Brauwissenschaft und Industrie haben versucht, den Gehalt an Xanthohumol im Bier durch spezielle Verfahren wie späte Hopfengaben, schonende Würzekochung oder den Einsatz xanthohumolreicher Hopfenprodukte zu erhöhen, stoßen dabei aber auf technologische und sensorische Grenzen, weil sich das Molekül im klassischen Brauprozess teilweise abbaut und höhere Konzentrationen den Geschmack verändern können.
Wirkung nicht nur im Bier
Historisch ist Hopfen seit dem Mittelalter in der europäischen Medizin verankert. Schriftquellen wie die von Hildegard von Bingen erwähnen eine beruhigende Wirkung auf Magen und Gemüt, spätere Kräuterbücher ordneten dem Hopfen schmerzlindernde und entzündungshemmende Eigenschaften zu. In der Volksmedizin galt er lange als Mittel gegen Nervosität, Verdauungsbeschwerden und innere Unruhe, bevor moderne, standardisierte Extrakte entwickelt wurden. Deswegen wurde auch immer wieder empfohlen, am Abend ein, zwei Gläser Bier zu trinken.
Im heutigen Arzneimittelmarkt sind Hopfenzapfen als traditionelles pflanzliches Arzneimittel mit definierten Anwendungsgebieten bei leichter nervöser Anspannung und Schlafstörungen eingeordnet. Pflanzliche Präparate auf Hopfenbasis stehen in Apotheken neben synthetischen Psychopharmaka und werden häufig als niedrigschwellige Erstoption gewählt. Fachleute verweisen zugleich auf Grenzen der Evidenz, insbesondere bei schweren Angststörungen, erheblichen Schlafproblemen sowie bei den diskutierten metabolischen und antikanzerogenen Effekten, für die überwiegend experimentelle Daten vorliegen.
Vor diesem Hintergrund markiert die Kür zur Arzneipflanze des Jahres eine Schnittstelle zwischen traditioneller Kräuterkunde, Brautechnologie und moderner Phytotherapie. Für Patientinnen und Patienten bleibt Hopfen ein Baustein im Behandlungsspektrum, der ärztliche Diagnostik und notwendige Therapien nicht ersetzt, aber in Fällen milder Symptomatik ergänzen kann. Zugleich stellt die Pflanze die Verbindung zwischen einem alltäglichen Genussmittel und einer differenzierten medizinischen Nutzung her, deren Potenzial und Grenzen weiter untersucht werden.