München - "Bier gegen Krebs? Forscher machen unglaubliche Entdeckung" - das berichtete die Münchner Boulevardzeitung TZ am 7. Jänner: "Forscher der University of Virginia School of Medicine und des Europäischen Molekularbiologielabors in Deutschland haben herausgefunden, dass ausgerechnet Bier bei der Krebsbehandlung helfen könnte, wie auf der Website der University of Virginia zu lesen ist."
Forscherinnen und Forscher verweisen inzwischen nicht nur auf Inhaltsstoffe des Hopfens, sondern auch auf Hefezellen als Quelle neuer Ideen für die Krebsmedizin. Die Fähigkeit von Hefezellen, unter Stressbedingungen in einen reversiblen Ruhezustand zu wechseln, gilt in der Onkologie als möglicher Schlüssel zum Verständnis therapieresistenter oder später wieder aufflammender Tumoren, die nach Chemo- oder Strahlentherapie zeitweise inaktiv erscheinen. Forschende sehen deshalb in der detaillierten Analyse der Stoffwechselanpassungen von Bierhefen eine Chance, Schwachstellen im Überlebensprogramm von Krebszellen zu identifizieren und Strategien zu entwickeln, die sie in Phasen der „Aushungerung“ angreifbarer machen.
Ein Team der University of Virginia und des European Molecular Biology Laboratory beschreibt bei einer Bierhefeart eine bislang unbekannte Anpassung an Nahrungsmangel, bei der die Zellen in eine Art Ruhestand wechseln, um Stressphasen zu überstehen. Die Mitochondrien dieser Hefezellen werden dabei von inaktiven Ribosomen umhüllt, was sie offenbar vor Selbstverdauungsprozessen schützt und gleichzeitig Signalwege in den „Kraftwerken“ der Zellen beeinflussen könnte. Nach Einschätzung der beteiligten Arbeitsgruppen liefert dieses Modell Hinweise darauf, wie auch Tumorzellen zeitweise in einen schlafähnlichen Zustand übergehen, um Phasen knapper Nährstoffversorgung zu überstehen.
Dies heißt leider nicht, dass Bier automatisch krebsverhindernd wirkt. Dies ist eher von einem Inhaltsstoff des Hopfens zu erwarten.
Neue Studien rücken nun bestimmte Inhaltsstoffe des Hopfens in den Fokus, allen voran das Polyphenol Xanthohumol, dem antientzündliche, antioxidative und möglicherweise krebshemmende Effekte zugeschrieben werden.
Forschergruppen in Europa und den USA untersuchen Xanthohumol seit Jahren als bioaktiven Naturstoff aus dem Hopfen, der im Brauprozess nur in geringen Mengen im fertigen Bier verbleibt. In herkömmlichen Sorten liegen die Konzentrationen meist im Bereich von etwa 0,1 bis 0,2 Milligramm pro Liter, weil der Stoff während Würzekochen und Filtration weitgehend abgebaut oder herausgefiltert wird. Brautechnische Entwicklungen zielen deshalb darauf, Xanthohumol durch veränderte Verfahren oder spezielle Hopfengaben in höherer Konzentration im Bier zu stabilisieren.
Labor- und Tierstudien attestieren Xanthohumol ein breites Spektrum biologischer Aktivitäten, darunter eine Hemmung von Entzündungsprozessen sowie antioxidative und chemopräventive Eigenschaften. In Zellkulturversuchen konnte der Stoff das Wachstum verschiedener Tumorzelllinien, etwa von Brust-, Eierstock- oder Darmkrebs, bremsen und in Mausmodellen Stoffwechselparameter wie Blutfette und Leberfett günstig beeinflussen. Darüber hinaus wird Xanthohumol mit Effekten auf den Glukose- und Fettstoffwechsel in Verbindung gebracht, etwa über die Bindung an den Farnesoid-X-Rezeptor und die Aktivierung von Signalwegen, die auch für die Entstehung des metabolischen Syndroms von Bedeutung sind.
Mögliche Wirkung gegen chronische Erkrankungen
Auch jenseits der Onkologie wird der Hopfeninhaltsstoff als Baustein eines möglichen Präventionskonzeptes für chronische Erkrankungen diskutiert. Übersichtsarbeiten zu Hopfenextrakten berichten über Hinweise auf günstigere Werte von Blutzucker, Cholesterin und Triglyceriden in Tiermodellen, teilweise verbunden mit einem Rückgang von Körper- und Lebergewicht. In experimentellen Ansätzen wurden zudem Effekte auf Adipozyten beschrieben: Xanthohumol könne die Einlagerung von Fett hemmen und die Umwandlung weißer in beige Fettzellen stimulieren, was langfristig den Energieumsatz beeinflussen könnte.
Damit verbindet sich die Frage, ob moderater Bierkonsum gesundheitliche Vorteile entfalten kann, die über den Beitrag einzelner Inhaltsstoffe hinausgehen. Eine jüngst publizierte Übersicht zu Craft-Bier und Gesundheit fasst Studien zusammen, in denen polyphenolreiche Biere in Tiermodellen und kleineren humanen Untersuchungen günstige Effekte auf Marker von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Osteoporose sowie auf Parameter des Immunsystems gezeigt hätten, mahnt aber methodische Begrenzungen und heterogene Studiendesigns an. Beobachtungsdaten zur Alkoholaufnahme deuten zudem auf ein Muster hin, nach dem niedrige Konsummengen mit einem geringeren Risiko für bestimmte kardiovaskuläre Ereignisse assoziiert sein können, während schon moderate Steigerungen des Konsums die Gefährdung wieder erhöhen.
https://news.virginia.edu/content/beer-yeast-uva-scientists-find-potent…