Ried im Innkreis - Die Rieder Liedertafel ist ein 1846 gegründeter Gesangsverein, der bis heute besteht. Die Aktivitäten dieser Sänger sind gut dokumentiert. Es ist jetzt 113 Jahre her, dass sich vier wackere Mitglieder der Rieder Liedertafel – Ernst Danzer, Richard Greifeneder, Fritz Racher und Josef Strehle – auf eine höchst genussvolle Mission begeben haben: Sie haben auf der „Bierreise durch Ried“ getreulich alle damals bestehenden Gaststätten der Bezirkshauptstadt der Reihe nach besucht. Und vor allem: Sie haben diese Besuche penibel dokumentiert. „Eine Art früher Gault Millau“, nennt es Sieglinde Frohmann, die Direktorin des Innviertler Volkskundehauses. Sie hat die Dokumentation aufgearbeitet und mit vielen Exponaten (vom Gambrinus-Krug bis zu Raufwerkzeugen) sowie einer Fotodokumentation verschwundener Lokale zu einer prächtigen Ausstellung der regionalen Bier- und Wirtshauskultur gestaltet.
Diese Ausstellung steht im Mittelpunkt des Innviertler Biermärz, mit dem Brauer und Wirte aus dem Innviertel jedes Jahr im März Aufmerksamkeit für die vielen Facetten des Biergenusses schaffen – das reicht vom Andorfer Bierfest bis zum Wirtshaussingen in Wippenham. Die „Bierregion Innviertel“ – ein Zusammenschluss von neun Brauereien, Wirten, Tourismus und regionaler Wirtschaft – hat den „Biermärz“ im Jahr 2013 wiederbelebt. Unter diesem Titel werden im März die unterschiedlichsten Veranstaltungen zum Thema Bier angeboten.
In diesem Jahr ist der Innviertler Biermärz erneut als vierwöchiger Parcours durch Brauereien, Gasthäuser und Veranstaltungsorte im ganzen Bezirk angelegt, bei dem sich Bier als kulturgeschichtliches und als wirtschaftliches Thema gleichermaßen präsentiert. Während der Tourismusverband im „Quellenviertel“, dem Zusammenschluss von S’INNVIERTEL mit drei weiteren Verbänden, vom zusätzlichen Profil einer Bierregion profitiert, nutzen Betriebe die dichte Abfolge an Veranstaltungen, um ihre Rolle als Gastgeber in einem ländlich geprägten Raum zu markieren. Der offizielle Auftakt findet als Frühschoppen im Braugasthof Wurmhöringer in Altheim statt, ehe Brauereiführungen, Verkostungen und kulinarische Themenabende das Programm füllen. Im Hintergrund steht ein Netzwerk, das neun regionale Brauereien und zahlreiche Wirte umfasst und nach eigener Darstellung mehr als 80 verschiedene Biersorten in Umlauf bringt.
Bühnen der lokalen Öffentlichkeit
Im Museum Innviertler Volkskundehaus in Ried im Innkreis verdichtet sich diese programmatische Vielfalt zu einem historischen Brennglas. Die Ausstellung „Im Wirtshaus bin i wia z’Haus – alte Wirtshäuser in Ried und Umgebung“ nimmt ihren Ausgang bei jener „Rieder Bierreise“ von 1913, bei der vier Sänger 46 Gaststätten der Stadt systematisch besuchten, bewerteten und damit ein Bild der damaligen Wirtshauslandschaft hinterließen. Die Schau, die vom 13. Februar bis 12. September zu sehen ist, rekonstruiert anhand von Speisekarten, Bierdeckeln, Holzkegeln, Sitzmöbeln und zahlreichen Anekdoten das Milieu der frühen Wirtshausmoderne, als Gasthäuser nicht nur Schankstätten, sondern auch Bühnen lokaler Öffentlichkeit waren. Die historischen Adressen werden kartiert und, wo möglich, mit alten Ansichten ergänzt; die Rieder Wirtshausdichte erscheint so als Teil einer Stadtkultur, in der Vereinswesen, Kleingewerbe und kommunale Politik eng mit den Gastzimmern verbunden waren.
Dieser Blick zurück wird bewusst mit der Gegenwart konfrontiert. Die Fotografin Karo Pernegger, in Ried geboren und heute in Wien tätig, hat für die Ausstellung Wirtshäuser ins Bild gesetzt, die geschlossen sind oder vor der Schließung stehen. In ihren Fotografien von Häusern wie dem Gasthaus Zwink in Aspach, dem Gasthaus Koller in Mehrnbach oder dem Gasthaus Zillner in Altheim zeigt sich, wie Räume, die lange als erweiterte Wohnzimmer galten, zu Leerständen oder zu anderen Nutzungen werden. Pernegger spricht vom Wirtshaussterben als emotional aufgeladenem Vorgang, bei dem nicht nur eine Versorgungsinfrastruktur, sondern ein Ort gelebter Gemeinschaft verschwindet. Die Ausstellung bettet diese Bilder in den historischen Kontext, in dem das Gasthaus als Treffpunkt von Vereinen, als Nachrichtenbörse und als Verhandlungsraum im Dorf fungierte.
Die Veranstalter des Biermärz nehmen dieses Thema zum Anlass, nicht nur in die Vergangenheit zu blicken. Unter dem Titel „Zukunft Wirtshaus“ diskutieren in Gurten Vertreter aus Küche, Gastronomie und Wirtschaft über die Lage der Wirtshäuser im ländlichen Raum. Im Pub der Firma Fill, einem gastronomischen Versuchsfeld in einem Industriebetrieb, sollen Chancen und Risiken eines Betriebsmodells erörtert werden, das zwischen Stammklientel, Ausflugsgästen und touristischen Arrangements vermittelt. Dass ein Unternehmer sein Firmengebäude um ein Pub ergänzt, verweist auf die Suche nach neuen Orten des informellen Austausches in einer Arbeitswelt, in der klassische Gasthäuser an Zuspruch verlieren. Der Biermärz rahmt diese Diskussion als einen Baustein in einem Programm, das vom Flohmarkt rund ums Bier bis zum Wirtshaussingen reicht.
Die wirtschaftliche Seite dieses Programms wird an mehreren Stellen sichtbar. Die Ausbildung von Biersommeliers in der Brauerei Ried, an der seit 2017 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Gastronomie teilnehmen, soll die Fachkompetenz in den Partnerbetrieben der Bierregion erhöhen. An den Eingängen dieser Lokale weist eine silberne Plakette auf die Zugehörigkeit zur Bierregion hin; dazu kommen umfangreiche Bierkarten, die eine breite Palette regionaler Produkte abbilden. Für den Tourismus im „Quellenviertel“ ist der Biermärz Anknüpfungspunkt für Angebote wie mehrtägige Pauschalen mit Bierverkostungen, etwa im Spa Resort Geinberg. Die Verantwortlichen erhoffen sich davon zusätzliche Reichweite in Märkten, in denen das Innviertel bislang vor allem als Thermen- und weniger als Bierregion wahrgenommen wurde.
Auch auf der Seite der Brauereien wird die Veranstaltung als Bühne genutzt. Mit dem „Engelszeller Stiftsbräu“ präsentiert sich eine Betriebsstätte neu, die nach dem Weggang der Trappistenmönche unter weltliche Führung gestellt wurde. Das helle, naturtrübe „1293er“ soll sich als Hauptsorte etablieren und in der regionalen Gastronomie verankert werden, womit an die bisherige Bekanntheit des Standorts als Klosterbrauerei angeknüpft wird. Ein weiterer Neuzugang im Netzwerk ist die kleine „Brauerei Kronedt“ von Helmut Voitleitner in Mayrhof, der seine Produktionskapazität von zwei auf acht Hektoliter pro Sud ausbaut und im Rahmen des Biermärz Führungen anbietet. In beiden Fällen zeigt sich, wie kleinteilige Betriebe das Netzwerk nutzen, um logistische Engpässe – etwa bei Flaschen – zu überbrücken und gleichzeitig über gemeinsame Vermarktung sichtbar zu werden.
Teil der Alltagskultur
Neben den musealen und wirtschaftlichen Aspekten spielt die Inszenierung von Bier als Teil regionaler Alltagskultur eine zentrale Rolle. Beim Andorfer Bierfest wird im März ein Jubiläumsbier mit der Bezeichnung „A26“ ausgeschenkt, das an die Marktgemeinde anknüpft, während die ausschließlich weiblich besetzte „Zeche Hinterfotzing“ mit Gstanzln und humoristischen Einlagen auftritt. Zum Weltfrauentag führt dieselbe Gruppe bei einem „Ziaga“ durch Ried, der unter dem Motto „Auf geht’s, Menscha!“ steht und die Innenstadt als Ort des gemeinsamen Ziehens von Lokal zu Lokal neu bespielt. Kulinarische Veranstaltungen wie eine „Innviertler Knödelkost“ mit kommentierter Bierbegleitung oder eine Biergala mit mehrgängigem Menü erweitern das Wirtshausangebot in Richtung Eventgastronomie. Die Grenze zwischen traditionellem Gasthausbesuch und inszeniertem Biererlebnis wird dabei bewusst offen gehalten.
Dass der Biermärz als feste Größe im regionalen Kalender gilt, hat nicht nur mit der Anzahl der Veranstaltungen zu tun, sondern mit der Art, wie Bier hier mit anderen Themen verknüpft wird. Kunst- und Fotoausstellungen, Konzerte, Quizabende und thematische Führungen durch Brauereien bilden ein Geflecht, in dem das Getränk zugleich Gegenstand und Rahmen ist. In der Kooperation von Brauereien, Gastronomie, Museen und Tourismusorganisationen entsteht ein Gefüge, das auf regionale Identität verweist, ohne den lokalen Alltag auszublenden. Im Volkskundehaus in Ried wird diese Verknüpfung greifbar, wenn neben historischen Kegeln und Bierkrügen auch jene Raufwerkzeuge gezeigt werden, mit denen frühere Generationen ihre Konflikte im Wirtshaus austrugen.
Die Ausstellung zu den Wirtshäusern ruft damit nicht nur eine untergegangene Dichte an Lokalen in Erinnerung, sondern fragt nach den Bedingungen, unter denen ein Wirtshaus heute Bestand haben kann. Die Diskussion um das Wirtshaussterben und neue Modelle der Bewirtung in ländlichen Regionen findet im Rahmen des Biermärz eine Bühne, auf der kulturelle, soziale und wirtschaftliche Argumente aufeinandertreffen. Während in manchen Orten ehemalige Gasträume zu Wohnungen oder Büros umgebaut werden, entstehen andernorts Braugasthöfe, Biergasthäuser oder Firmenpubs, die an ältere Formen des Zusammenseins anknüpfen. Zwischen der kartierten „Rieder Bierreise“ von 1913 und den Programmpunkten des Jahres 2026 spannt sich damit ein Bogen, der das Wirtshaus als Spiegel einer Region zeigt, in der sich Veränderung und Beharrung nicht nur im Glas, sondern auch im Grundriss der Häuser ablesen lassen.
Die neun Brauereien der Bierregion
Engelszeller Stiftsbräu, Engelhartszell
www.engelszeller.com
Privatbrauerei Wurmhöringer, Altheim
www.wurmhoeringer.at
Privatbrauerei Vitzthum, Uttendorf
www.uttendorf-bier.com
Brauerei Ried, Ried im Innkreis
www.rieder-bier.at
Privatbrauerei Schnaitl, Gundertshausen
www.schnaitl.at
Brauerei Kronedt, Mayrhof
www.kroneder-bier.at
Kanonenbräu, Schärding
www.kanonenbraeu.at
Privatbrauerei Pfesch, Treubach
www.pfesch.at
Woigartlbräu, Schalchen
www.woigartlbraeu.at