Konsumentenvereinigung CAMRA gibt sich neue Strategie

von Conrad Seidl 15/04/2026
Nachrichten
Konsumentenvereinigung CAMRA gibt sich neue Strategie

St. Albans - Die britische Bierkonsumentenvereinigung Campaign for Real Ale (CAMRA) hat sich für die Jahre 2026 bis 2029 eine neue Strategie gegeben, mit der sie ihren Anspruch als landesweite Interessenvertretung der Biertrinker und Pub-Gäste erneuern will. Auf den ersten Blick knüpft das Papier an bekannte Formeln an: Es ist weiterhin von qualitativ hochwertigem „Real Ale“ (das definitionsgemäß im Pub fertig vergoren und per Handpumpe gezapft wird), von Cider und Perry, von lebendigen Pubs als sozialem Mittelpunkt und von verantwortungsbewusstem Trinken die Rede. Dennoch verschiebt sich der Akzent – weg von der Vorstellung eines homogenen Milieus älterer Ale-Enthusiasten hin zu einem breiteren Verständnis von Konsumentenschutz, Ehrenamt und gesellschaftlicher Rolle der Pubkultur.

CAMRA erinnert in der Selbstdarstellung an ihre Entstehungsgeschichte: 1971 von vier Bierfreunden gegründet, entwickelte sich die Organisation zu einem Verband, der nach eigener Darstellung heute Biertrinker und Pub-Gänger im ganzen Vereinigten Königreich repräsentiert. Zu den Konstanten gehören Kampagnen für die Verfügbarkeit von „real ale“, Cider und Perry, die Ausrichtung von Bierfestivals, Lobbyarbeit gegenüber der Regierung sowie Preisverleihungen und Publikationen wie der „Good Beer Guide“. Diese Elemente bleiben auch in der neuen Strategie präsent, sie werden jedoch in einen Rahmen gestellt, der stärker auf soziale Inklusion, Diversität und die Einbindung verschiedener Konsumentengruppen zielt.

Der Verweis auf eine bereits zuvor durchgeführte „Inclusion, Diversity and Equality Review“, deren Ergebnisse 2023 veröffentlicht wurden, markiert einen wichtigen Bezugspunkt. Damals wurde intern diskutiert, wie sich eine Vereinigung mit überwiegend männlichem, weißem und älterem Mitgliederprofil für bisher unterrepräsentierte Gruppen öffnen könne. Die neue Strategie knüpft daran an, indem sie nicht nur für „Beer Connoisseurs“ und traditionelle Kampagnenaktive Angebote bereithalten will, sondern ausdrücklich auch Menschen anspricht, die vor allem soziale Kontakte in ihrem „local“ Pub suchen. CAMRA betont, es gebe „für alle etwas“ – für engagierte Aktivisten, für Lernwillige, aber auch für jene, die lediglich in Gesellschaft ein Pint trinken wollen.

Die eigentliche Neuerung liegt weniger in den Schlagworten als in der Gewichtung der Zielkonflikte, denen sich CAMRA gegenübersieht. Das Vereinigte Königreich befindet sich, wie andere europäische Länder, in einem Umfeld rückläufigen Bierkonsums, eines veränderten Ausgehverhaltens und eines wachsenden Gesundheits- und Nüchternheitsdiskurses. Gleichzeitig stehen Pubs unter wirtschaftlichem Druck; viele Betriebe kämpfen mit gestiegenen Kosten, veränderten Trinkgewohnheiten und Konkurrenz durch den Konsum in den eigenen vier Wänden. Eine Konsumentenorganisation, die sich auf traditionelle, an die Fassreifung im Pub gebundene Ale-Kultur konzentriert, läuft Gefahr, sich an eine schwindende Klientel zu binden.

Kultureller Auftrag

Die Strategie setzt daher auf ein breiteres kulturpolitisches Verständnis der Pub-Landschaft. Pubs und Clubs werden nicht nur als Orte des Ausschanks beschrieben, sondern als soziale Zentren und Teil des kulturellen Erbes des Landes. CAMRA will künftig noch stärker betonen, dass es bei der Verteidigung der Pubkultur nicht nur um den Geschmack bestimmter Biersorten geht, sondern um den Erhalt öffentlicher Räume, die Vereinsamung entgegenwirken und lokale Netzwerke stützen. Damit verbindet sich eine Argumentationslinie, die auch für jüngere und urbane Zielgruppen anschlussfähig sein soll, für die die symbolische Funktion des Pubs wichtiger ist als die Frage, ob das Bier aus dem Handpumpen-Ausschank stammt.

Die Organisation steht vor der Frage, wie sie neue Mitglieder gewinnt, ohne den bisherigen Kern zu verschrecken. Die Strategie versucht, diesen Spagat zu bewältigen, indem sie einerseits an der Definition von „Real Ale“ als "cask conditioned" mit den bekannten Qualitätskriterien festhält, andererseits aber stärker auf Erlebnisse und Formate setzt, die nicht nur Bierpuristen ansprechen. Bierfestivals, Pub-Führer und digitale Pub-Finder werden als Instrumente verstanden, mit denen sich auch Gelegenheitsbesucher ansprechen lassen. Zugleich betont CAMRA die Vorteile des Ehrenamts: Die Teilnahme an lokalen Aktionen, an Festivals und Kampagnen wird als Möglichkeit präsentiert, sich einzubringen, Fähigkeiten zu entwickeln und Kontakte zu knüpfen.

Nicht nur ein nostalgischer Freundeskreis alter Männer

Die Gefahr, zu einem Verein alternder, biertrinkender Pensionisten zu werden, benennt CAMRA nicht offen, sie ist in den dokumentierten Reformprozessen jedoch implizit angelegt. Schon der „Revitalisation Project“ von 2018 hatte die Aufgabe, die künftige Rolle des Verbandes zu klären und die Balance zwischen Bewahrungs- und Öffnungskurs zu finden. Die neue Strategie setzt diesen Prozess fort, indem sie stärker betont, dass CAMRA eine Verbraucherorganisation sei und nicht ein nostalgischer Freundeskreis für eine bestimmte Generation von Pub-Gängern. Diese Positionierung soll es ermöglichen, Themen wie Preisgestaltung, Transparenz im Ausschank oder der Schutz vor Lokalschließungen auch aus der Perspektive jüngerer Konsumenten zu diskutieren.

Die Antwort auf die demografische Herausforderung dürfte wesentlich von der Fähigkeit abhängen, sich in Debatten einzumischen, die über die klassische Bierpolitik hinausgehen. Dazu gehören Fragen der Stadtentwicklung, der Regulierung von Außengastronomie, des Nichtraucherschutzes oder der Alkoholpolitik. Wenn Pubs als kulturelle und soziale Infrastruktur begriffen werden, kann CAMRA sich an Allianzen mit anderen Organisationen beteiligen, die sich mit Gemeinwesenarbeit, Kulturförderung oder dem Erhalt historischer Bausubstanz beschäftigen. Auf diese Weise könnte der Verband auch Personen ansprechen, die zwar wenig Interesse an Bierstilen haben, aber am Fortbestand eines lebendigen öffentlichen Lebens in ihren Stadtteilen interessiert sind.

Veränderte Trinkgewohnheiten

Offen bleibt, in welchem Umfang CAMRA bereit ist, auf veränderte Trinkgewohnheiten zu reagieren. In vielen Märkten gewinnen alkoholfreie Biere, Biermischgetränke und andere Getränke an Bedeutung, während der Absatz klassischer Biere sinkt. Die traditionelle Definition von „Real Ale“ lässt sich nicht ohne weiteres auf diese Produktkategorien übertragen. Die strategischen Dokumente betonen zwar die „benefits of responsible social drinking“, bleiben aber vage, wenn es um die Rolle alkoholarmer und alkoholfreier Alternativen geht. Hier wird sich entscheiden, ob der Verband in der Lage ist, auch jene einzubinden, die aus gesundheitlichen oder kulturellen Gründen ihren Alkoholkonsum einschränken.

Die neue CAMRA-Strategie ist damit weniger ein Bruch als eine Fortführung unter veränderten Vorzeichen. Der Verband hält an seinem Selbstverständnis als Hüter der britischen Ale- und Pubkultur fest, versucht aber zugleich, sich als zeitgemäße Verbraucherorganisation zu präsentieren. Ob es gelingt, das Bild des reinen Pensionisten-Clubs zu überwinden, hängt davon ab, ob die formulierten Ziele zu sichtbaren Veränderungen führen – in der Zusammensetzung der Mitgliedschaft, in den Themen der Kampagnen und in der Art, wie CAMRA in britischen Pubs wahrgenommen wird.

https://camra.org.uk/about/who-we-are