Sapporo gibt Stone Brewery an Duvel ab

von Conrad Seidl 24/04/2026
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Sapporo gibt Stone Brewery an Duvel ab

San Diego - Stone Brewing, einst als Symbol des amerikanischen Craftbier‑Aufbruchs gefeiert, wechselt erneut den Besitzer: Sapporo Brewing zieht sich aus dem Engagement zurück, künftig sollen Duvel Moortgat USA und das zu Duvel gehörende kalifornische Unternehmen Firestone Walker die Marke führen. Die Japaner hatten Stone erst 2022 für einen Betrag von rund 165 bis 168 Millionen Dollar übernommen; nun rechnen sie im Zuge der Trennung mit einer Wertberichtigung von etwa 80 Millionen Dollar auf die Produktionsanlage im kalifornischen Escondido, zugleich aber mit bilanziellen Gewinnen aus der Übertragung von Vermögenswerten. Finanzielle Details des aktuellen Kaufvertrags sind nicht bekannt, der Vollzug der Transaktion wird für den Sommer 2026 erwartet.

Stylische Großbrauerei in Escondido

Die Geschichte von Stone Brewing beginnt weit entfernt von großen Industriebrauereien in einem unscheinbaren Lagerhaus im kalifornischen San Marcos, wo Greg Koch und Steve Wagner im Februar 1996 ihre Brauerei gründeten. Aus dem kleinen Ansatz entwickelte sich in den folgenden zwei Jahrzehnten ein Unternehmen, das in allen 50 US‑Bundesstaaten präsent war und sich als einer der prägenden Anbieter der amerikanischen Craftbier‑Welle etablierte. Koch, der lange als Gesicht der Marke auftrat, gab dem Unternehmen ein bewusst kantiges Profil, das sich auch in den kräftig gehopften Bieren und dem betont selbstbewussten Marketing widerspiegelte.

Den nächsten Schritt vollzog Stone Mitte der 2000er‑Jahre mit dem Ausbau der Produktions- und Gastronomieinfrastruktur im Großraum San Diego. 2006 eröffnete das Unternehmen in Escondido nördlich von San Diego die Stone Brewing World Bistro & Gardens, das Brauerei, Schankraum und Gastronomie verband. Mit dem zugehörigen Zen-Garten lag man ganz im damaligen Zeitgeist. Die Brauerei war (und ist bis heute) einer der stylischsten Braubetriebe der Welt.

Sprunghaftes Wachstum 2016

Damit verschob sich der Schwerpunkt vom ursprünglichen Craftbier-Betrieb in San Marcos (wo heute The Lost Abbey residiert) zu einer größeren, auf Wachstum angelegten Braustätte in Escondido, die als Produktionsbasis und als Besuchermagnet diente. 2013 folgten weitere Gastronomieeinheiten in San Diego‑Liberty Station sowie ein kompakter Stone Company Store am dortigen Flughafen, was die Marke im südkalifornischen Markt stärker verankerte. In dieser Phase setzte Stone auf den Ausbau von Destination‑Standorten, an denen Bierproduktion und Erlebnisgastronomie eng miteinander verbunden waren.

2016 wagte das Unternehmen den Sprung an die amerikanische Ostküste: In Richmond, der Hauptstadt Virginias, nahm eine neue Brauerei mit einer geplanten Kapazität von rund 700.000 Hektolitern den Betrieb auf. Die Brauerei diente dazu, den Osten der Vereinigten Staaten effizient zu beliefern und zugleich einen weiteren gastronomisch geprägten Standort aufzubauen, der zusätzliche Arbeitsplätze schaffen sollte. Parallel dazu verfolgte Stone an der Ostküste und in anderen Regionen den Ausbau von Vertriebsstrukturen, um die Präsenz im nationalen Handel zu festigen. Die Expansion nach Richmond war ein Signal, dass Stone aus der Rolle einer regionalen Brauerei endgültig herausgewachsen war und sich als national agierender Anbieter verstand.

Gleichzeitig wurde klar. dass solches Wachstum viel Geld kostet - speziell, wenn es auf Pump finanziert ist. 

Noch ambitionierter war der Schritt nach Europa: Ebenfalls 2016 eröffnete Stone in einem umgebauten Gaswerk im Berliner Stadtteil Mariendorf eine groß dimensionierte Brauerei mit angeschlossenem Restaurant und großzügigen Gartenflächen. Das Investitionsvolumen lag bei mehr als 25 Millionen Dollar, der Standort mit historischen Ziegelbauten und weitläufigen Innen- und Außenbereichen war als Anziehungspunkt für ein internationales Publikum geplant. Ziel war es, amerikanisch geprägte Craftbiere in Europa vor Ort zu brauen und zugleich ein Schaufenster für die Marke auf dem europäischen Kontinent zu schaffen. Der Betrieb in Berlin stieß zwar auf beachtliche Aufmerksamkeit, hatte aber im Wettbewerb mit der regionalen und nationalen Bierszene sowie im Spannungsfeld wechselnder wirtschaftlicher Rahmenbedingungen einen schwierigen Stand und wurde später an BrewDog verkauft - den schottischen Brauer, der später selbst in Schwierigkeiten geraten ist.

Die nun angekündigte Übernahme durch Duvel Moortgat USA markiert vor diesem Hintergrund eine neue Phase in der Entwicklung von Stone. Demnach soll Firestone Walker, an dem Duvel seit 2015 mehrheitlich beteiligt ist, die Marke Stone Brewing in Kalifornien, Texas und weiteren westlichen Bundesstaaten führen und auch die Betreuung nationaler Großkunden übernehmen. Duvel USA wird den Vertrieb der Marke östlich der Rocky Mountains organisieren. Beide Unternehmen erhalten zudem die Kontrolle über vier kalifornische Taprooms, die künftig in das bestehende Netzwerk von Duvel‑Beteiligungen eingebunden werden. Durch die Integration steigt das Produktionsvolumen von Duvel USA um rund 280.000 Barrel (etwa 329 000 Hektoliter) und nähert sich einer Größenordnung von etwa 900.000 Barrel jährlich, womit das Unternehmen in der Rangliste der größten US‑Craftbrauer voraussichtlich auf einen Platz im obersten Abschnitt vorrückt.

Arrogant Bastard

Für das Sortiment von Stone sind mit dem Eigentümerwechsel sowohl Kontinuitäten als auch Anpassungen zu erwarten. Firestone Walker und Duvel haben angekündigt, einen erheblichen Teil der bestehenden Marken und Rezepturen fortzuführen, da Stone‑Biere wie IPA‑Varianten oder die Flagship-Marke Arrogant Bastard im US‑Markt etabliert sind. Zugleich dürfte die Produktion schrittweise an die bestehenden Braustandorte der neuen Eigentümer angepasst werden, um Kapazitäten besser auszulasten und Logistikwege zu verkürzen. Dies kann mittelfristig dazu führen, dass einzelne Spezialbiere nur noch regional verfügbar sind oder zugunsten eines strafferen Kernsortiments reduziert werden. Die Integration in einen größeren Verbund eröffnet allerdings die Möglichkeit, Stone‑Biere über die bisherigen Märkte hinaus in den Vertriebskanälen von Duvel und Firestone Walker zu platzieren.

Die Auswirkungen auf die verschiedenen Standorte sind unterschiedlich ausgeprägt. Die Brauerei in Escondido, auf die Sapporo bereits eine Wertberichtigung einkalkuliert, steht vor einer Neubewertung: Je nach Ausgestaltung der Integration könnten Teile der Produktion verlagert oder umstrukturiert werden, während die zugehörigen Taprooms als Anlaufpunkte für die Marke erhalten bleiben. Für die Mitarbeiter kündigen die Käufer an, einem „signifikanten“ Teil der Beschäftigten in Gastronomie, Vertrieb und Marketing Angebote zu machen; Produktionsstellen sollen im Zuge der Umstellung geprüft werden. In Richmond ist vorstellbar, dass der Standort als Versorgungsbasis für den Osten der USA genutzt und organisatorisch enger mit Duvels US‑Strukturen verknüpft wird, sofern die Kapazitäten und Marktbedingungen dies nahelegen. Der Berliner Standort spielt in der aktuellen Transaktion keine Rolle mehr, da er bereits vor dem Einstieg Sapporos an einen europäischen Marktteilnehmer übergegangen ist und nun eigenständig weitergeführt wird.

Mitch Steele macht sich Sorgen

Mitch Steele, der bis 2016 Braumeister bei Stone war und seit Jahrzehnten eine wichtige Stimme in der ganzen Branche ist, schreibt in einem Facebook‑Beitrag zur jüngsten Entwicklung, die Nachricht über den erneuten Eigentümerwechsel bei Stone habe ihn „wie ein Schlag in die Zähne“ getroffen; er betont, dass er sowohl Stone als auch Firestone Walker sehr schätze und letztere für geeignete Verwalter der Marke halte. Zugleich bringt er seine Sorge um zahlreiche langjährige, qualifizierte Beschäftigte bei Stone zum Ausdruck, von denen viele zu seinem Freundeskreis zählen und die nun durch den Verkauf ihren Arbeitsplatz verlieren könnten. Er argumentiert, es sei nachvollziehbar, unter veränderten wirtschaftlichen Bedingungen einen Verkauf zu wählen, um Hunderte von Arbeitsplätzen zu sichern, statt ein Unternehmen in den Untergang zu führen und damit zahlreiche Karrieren zu gefährden. Im Kern, so hebt er hervor, gehe es ihm vor allem um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an seinem früheren Arbeitsplatz in Kalifornien.

Die Entwicklung von Stone illustriert die Dynamik eines Marktes, in dem viele unabhängige Craftbrauereien zunächst stark wachsen, anschließend aber in größere Unternehmensverbünde eingebunden werden. Der Verkauf an Sapporo 2022 und die nun folgende Übernahme durch Duvel zeigen, wie stark strategische Überlegungen internationaler Konzerne und Beteiligungsgesellschaften das Schicksal ehemals unabhängiger Marken bestimmen. Für die Konsumenten wird sich der Wandel vor allem daran bemessen, in welchem Umfang die bekannten Biere im Handel und in der Gastronomie erreichbar bleiben und ob die sensorischen Profile trotz veränderter Produktionsbedingungen stabil bleiben. Für die lokalen Bierkulturen in Kalifornien und Virginia stellt sich die Frage, wie die Taprooms und Brauereien künftig in die jeweiligen Szenen eingebunden werden und ob sie ihre Rolle als Orte eines eigenständigen, von Konzernstrukturen abweichenden Bierverständnisses behaupten können.