Wien/London - Die Pandemie hat in der Gastronomie Verhaltensmuster hinterlassen, die zunächst als Hygienevorkehrung gedacht waren. Markierungen auf dem Boden, vorgegebene Laufwege, Abstand und kontaktarme Bestellung schufen eine eindeutige Reihenfolge. Sie verminderte Konflikte und bot Orientierung, zumal der direkte Kontakt zwischen Gästen, Personal und Fremden zeitweilig als Risiko galt. Wo früher Unübersichtlichkeit als Teil der Kneipenkultur akzeptiert wurde, wirkt sie offenbar für manche Besucher nun wie ein Regelverstoß.
In den Pubs von London bildet sich seit einiger Zeit eine Schlange, die älteren Gästen vertraut vorkommen dürfte: Menschen stehen hintereinander, in respektvollem Abstand, und warten darauf, an der Reihe zu sein. So war es jahrzehntelang britischer Stil an Busstationen und in Postämtern. Nur ist eine Bar kein Postschalter. In einem Pub ist es ja üblich gewesen, einfach an die Bar zu gehen - nicht anders als in Kneipen im deutschen Sprachraum. Wer ein Getränk wollte, suchte eine freie Stelle am Tresen, stellte Blickkontakt zum Personal her und wartete auf die Bedienung. Dass dieses informelle System nach der Pandemie an Selbstverständlichkeit verloren hat, beschäftigt nun Betreiber weit über den Einzelfall hinaus.
Schlangestehen unerwünscht
Der Einzelfall, über den Metro zuerst berichtet hat: Bei Hackney Church Brew Co. im Osten Londons hat die Geschäftsführung ihre Gäste öffentlich aufgefordert, sich nicht in einem Schlange anzustellen. Geschäftsführer Hamish Glenn berichtet, das geordnete Anstellen sei während der Corona-Jahre in den Pubs erprobt worden und sei inzwischen, auch mit dem Zuzug jüngerer Gäste in das Viertel, an manchen Abenden zur Gewohnheit geworden. Die Reihe reiche bisweilen aus dem Lokal hinaus auf die Straße - und teile das Lokal in unterschiedliche Bereiche, wo es kein Durchkommen gibt. Schilder und Hinweise des Personals sollen die Besucher nun dazu bewegen, die gesamte Breite des Tresens zu nutzen. Das Phänomen ist mehr als eine Frage der Etikette. Die lineare Warteschlange bindet die Bestellung an einen einzigen Zugangspunkt, während mehrere Mitarbeiter hinter der Bar gleichzeitig bedienen könnten. Die Aufforderung trifft indes auf eine kulturelle Hemmung: Wer in England einfach an einer Schlange vorbeigeht, muss sich womöglich den Vorwurf des Vordrängelns gefallen lassen.
Nach Darstellung des Betriebs verlängert sich der Ausschank erheblich, wenn sich Gäste vermeintlich "ordentlich" anstellen. Gäste, die auf ihr erstes Getränk warten müssen, bestellen später eher kein zweites; andere kehrten beim Anblick einer langen Schlange um. In einem Wirtschaftszweig mit knappen Margen wird die räumliche Ordnung am Tresen damit zur Umsatzfrage.
Kultur des Bierkonsums im Stehen bedroht
Die Veränderung fällt in eine Debatte über die Gestaltung des Nachtlebens. In Westminster, zu dessen Zuständigkeit Soho und Teile des West End gehören, sieht ein Entwurf für die Lizenzpolitik vor, Betriebe sollten mehr Sitzplätze anbieten, übermäßigen Alkoholkonsum eindämmen und gegebenenfalls Tischservice statt offenen Stehraums fördern. Der zuständige konservative Vizechef Tim Barnes wies allerdings die Darstellung zurück, an der Bar zu stehen oder dort zu bestellen solle verboten werden; es gehe um die Steuerung von Menschenmengen und den Schutz der Gehsteige vor Überfüllung.
Gerade darin zeigt sich der Zwiespalt der Nach-Corona-Gastronomie. Viele Gäste verlangen Berechenbarkeit, Abstand und digitale Bequemlichkeit. Betreiber benötigen zugleich Durchsatz, spontane Bestellung und eine Nutzung des Raums, die nicht nur am Eingang eine Wartesituation erzeugt. Die Einzelreihe an der Bar ist deshalb kein bloß britisches Kuriosum. Sie verweist auf eine offenere Frage: Welche Regeln aus der Zeit staatlich angeordneter Distanz bleiben bestehen, wenn das soziale Leben längst wieder Nähe, Unordnung und Improvisation voraussetzt?