Tourismus-Rekord bringt Chancen für Bierlokale

von Conrad Seidl 30/01/2026
Nachrichten
Tourismus-Rekord bringt Chancen für Bierlokale

Wien - Österreichs Tourismuswirtschaft hat im Jahr 2025 einen neuen Höchststand erreicht – und damit der bierorientierten Gastronomie ein deutlich erweitertes Spielfeld eröffnet.

157,27 Millionen Nächtigungen und 48,17 Millionen Ankünfte in heimischen Beherbergungsbetrieben markieren laut Statistik Austria den höchsten Wert seit Beginn der digitalen Aufzeichnungen 1974. Im Vergleich zum bisherigen Rekordjahr 2024 bedeutet dies ein Plus von 1,9 Prozent bei den Übernachtungen und 3,1 Prozent bei den Gästen. „Das Jahr 2025 brachte dem heimischen Tourismus ein Allzeithoch bei den Nächtigungszahlen“, sagte Manuela Lenk, fachstatistische Generaldirektorin von Statistik Austria, und verwies darauf, dass zum dritten Mal in Folge die Marke von 150 Millionen Nächtigungen überschritten wurde. Treiber des Wachstums sind vor allem internationale Gäste, deren Nächtigungen auf 116,81 Millionen zunahmen (+2,4 Prozent), während jene von Gästen aus Österreich leicht auf 40,46 Millionen stiegen (+0,5 Prozent).

Die Struktur dieses Booms ist für die Gastronomie von Bedeutung, insbesondere für Betriebe mit starkem Bierfokus. Drei Viertel aller Nächtigungen (74,3 Prozent) entfielen 2025 auf Gäste aus dem Ausland. Deutschland bleibt mit 58,55 Millionen Nächtigungen wichtigster Herkunftsmarkt, gefolgt von den Niederlanden mit 11,26 Millionen sowie der Schweiz und Liechtenstein mit 4,34 Millionen. Diese Zielgruppen gelten in der Branche als besonders affin für klassische Wirtshauskultur, regionale Bierspezialitäten und Verkostungsformate. Gleichzeitig zeigt die Brauwirtschaft, dass Bier längst nicht mehr nur als Standardprodukt verstanden wird: Laut dem österreichischen Brauereiverband gibt es knapp 350 Braustätten, die mit einer breiten Palette an Sorten jährlich rund 10 Millionen Hektoliter ausstoßen. Exportzuwächse und der Trend zu alkoholfreiem Bier deuten auf eine differenziertere Nachfrage hin, die auch in touristischen Regionen spürbar ist.​

Räumlich konzentriert sich das Wachstum auf Regionen, in denen Gastronomie und Bierkultur besonders dicht vertreten sind. Mehr als die Hälfte aller Nächtigungen entfiel 2025 auf Tirol und Salzburg (insgesamt 80,92 Millionen), wo die Übernachtungen gegenüber dem Vorjahr um 1,7 beziehungsweise 2,4 Prozent zunahmen. Gleichzeitig erlebte Wien den stärksten prozentuellen Zuwachs unter den Bundesländern: Die Bundeshauptstadt steigerte ihre Nächtigungen um 6,5 Prozent und überschritt mit 20,09 Millionen Übernachtungen erstmals die 20-Millionen-Marke. In den Landeshauptstädten insgesamt wurden 29,05 Millionen Nächtigungen gezählt, ein Plus von 5,7 Prozent gegenüber 2024. Damit verschiebt sich ein Teil des touristischen Geschehens in urbane Räume, in denen sich in den vergangenen Jahren eine eigenständige Szene aus Brewpubs, spezialisierten Bierbars und bieraffinen Restaurants entwickelt hat. Diese Betriebe verknüpfen Bierverkostungen, Brauereiführungen und Kulinarik zunehmend mit städtischem Kulturtourismus.

Auch saisonal ergeben sich neue Ansatzpunkte für die Gastronomie. In den ersten zwei Monaten der Wintersaison 2025/26 (November und Dezember 2025) wurden 19,67 Millionen Nächtigungen verzeichnet, ein Zuwachs von 8,1 Prozent. Die Gästeankünfte stiegen im selben Zeitraum um 7,5 Prozent auf 6,59 Millionen. Besonders deutlich fällt der Anstieg im Dezember 2025 aus: Die Nächtigungen erreichten 13,90 Millionen, um 9,9 Prozent mehr als im Dezember 2024. Ausschlaggebend waren die internationalen Gäste, deren Übernachtungen um 10,9 Prozent auf 11,23 Millionen zulegten, während jene von Gästen aus dem Inland um 5,6 Prozent auf 2,67 Millionen stiegen. Für Wirtshäuser, Hotels mit angeschlossenen Bierlokalen und städtische Szenebars bedeutet dies eine stärkere Auslastung in einer traditionell ohnehin wichtigen Hochsaison, aber auch eine wachsende Nachfrage nach Angeboten, die vom Pisten- oder Messebesuch direkt in das gastronomische Umfeld überleiten.

Die Tourismusintensität lag 2025 österreichweit bei 17,1 Nächtigungen je Einwohnerin und Einwohner und damit knapp unter dem Vor-Corona-Höchststand des Jahres 2019. In stark frequentierten Regionen verdichtet sich damit der Druck auf Infrastruktur, Personal und Flächen – zugleich wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Gäste mit der lokalen Bierkultur in Berührung kommen, sei es im Dorfwirtshaus, im Stadtbierlokal oder bei Brauereiführungen. Branchenanalysen zeigen, dass die reale Wertschöpfung in Beherbergung und Gastronomie trotz guter Auslastung unter Kostendruck steht; für 2024 wird von einem leichten realen Rückgang, für die erste Hälfte 2025 von einem deutlicheren Minus berichtet.

Der wachsende Zustrom ausländischer Gäste trifft auf eine ausgeprägte Bierkultur. „Wer bei uns urlaubt, lernt österreichisches Bier kennen und schätzen“, betonte der Geschäftsführer des Brauereiverbandes, Florian Berger bereits vor einem Jahr. Er verweist dabei auf die Rolle des Inlands- und Auslandstourismus für den Absatz im Inland und den Export.

Studien zum Alkoholkonsum in Europa ordnen Österreich als Land mit vergleichsweise hohem Bieranteil und geringerer Bedeutung von Spirituosen ein. Für die Gastronomie erhöht dies den Spielraum, Bier stärker als kulinarisches und touristisches Erlebnis zu inszenieren – etwa über abgestimmte Menüs, regionale Bierverkostungen oder Angebote, die auch Gäste ansprechen, die keinen Alkohol trinken. Gastronomieführer listen mittlerweile über 1.000 bieraffine Betriebe vom einfachen Gasthaus bis zur spezialisierten Bierbar, was die Breite der Szene illustriert.

Für Betreiberinnen und Betreiber bierorientierter Lokale ergeben sich aus dem Tourismusrekord unterschiedliche Strategien. In den alpinen Bundesländern steht weiterhin der klassische Mix aus Skitourismus, Sommerfrische und regionalem Wirtshaus im Vordergrund, ergänzt um Brauereiführungen und Direktvermarktung, die Brauereien über „Ab-Hof“-Angebote ausbauen. In Wien und den anderen Landeshauptstädten hingegen wächst eine urbane Besucherschaft, die an Bierstilen jenseits des Standardlagers interessiert ist – von Pale Ales über Porters und Stouts bis zu in Holzfässern gereiften Spezialbieren. Viel Spielraum gäbe es noch für Kooperationen zwischen Brauereien und der Spitzengastronomie. Für beide Segmente gilt, dass die wachsende Zahl internationaler Gäste Nachfrage nach englischsprachiger Kommunikation, klarer Produktinformation und einer transparenten Preispolitik mit sich bringt.

Nicht zuletzt stellt der Rekordtourismus die bierorientierte Gastronomie vor organisatorische und arbeitsmarktbezogene Aufgaben. Fachkräfte in Service und Küche sind vielerorts knapp; der Personalbedarf steigt mit der Zahl der Gäste, während Arbeitszeiten und Qualifikationsanforderungen zunehmen. Zugleich reagieren Betriebe mit Spezialisierung, digitaler Reservierungssteuerung und einem klaren Profil, um sich im dichteren Wettbewerb abzugrenzen. Für die Brauwirtschaft bleibt die Gastronomie trotz zwischenzeitlicher Rückgänge bei Fass- und Tankbier ein zentraler Absatzkanal, der durch touristische Spitzen spürbare Impulse erhält. Die jüngste Entwicklung legt nahe, dass der Rekord an Nächtigungen nicht nur ein statistischer Wert ist, sondern die Strukturen der österreichischen Bier- und Wirtshauskultur dauerhaft verändert.

https://www.statistik.at/fileadmin/announcement/2026/01/20260130Ankuenf…