Weiter warten auf Biere von Anchor

von Conrad Seidl 12/12/2025
Nachrichten
Weiter warten auf Biere von Anchor

San Francisco - Eine Falschmeldung, dass Anchor Brewing, die seinerzeit von Fritz Maytag gerettete Brauerei des "Anchor Steam Beers", endgültig aus San Francisco abziehen werde, hat die stets gut informierte Branchenkennerin Ina Verstl zu einer weiteren Recherche motiviert - und sie schreibt in ihrem jüngsten Brauwelt-Newswetter: "In fact, it's all rubbish". Die Meldung über das endgültige Aus auf der Website von American Craft Brewing war nämlich durch ChatGPT produziert worden - wobei offenbar eine Zeitungsmeldung vom Mai dieses Jahres falsch interpretiert wurde.

Tatsächlich ist die Behauptung widerlegt, der neue Eigentümer Hamdi Ulukaya habe keine Absicht, die historische Braustätte am Potrero Hill wieder zu eröffnen und wolle Anchor‑Biere künftig ausschließlich über einen Vertragsbrauer außerhalb San Franciscos produzieren lassen. 

Nach einer Nachfrage des San Francisco Standard beim Family Office Ulukayas wurde bestätigt, dass weiterhin Pläne bestehen, die Marke in San Francisco mit einer physischen Präsenz neu zu beleben, auch wenn es weder einen konkreten Zeitplan noch detaillierte Produktionsangaben gibt. "Anchor Brewing is not dead", heißt es auf der Website 

Allerdings: Einen Termin für die Wiedereröffnung gibt es auch eineinhalb Jahre nach der jüngsten Übernahme der bekannten Brauerei durch den Yoghurt-Hersteller Ulukaya nicht. Die Brauerei produziert seit dem Sommer 2023 kein Bier mehr. 

Mehrere Brauereischließungen in jüngster Zeit

Rogue Ales & Spirits, einst Aushängeschild der US‑Craftbierbewegung, hat Mitte November 2025 seinen Braubetrieb in Newport an der oregonischen Küste ebenso wie sämtliche Pubs in Oregon eingestellt und kurz darauf ein Insolvenzverfahren nach Chapter 7 eingeleitet. Damit ist die Brauerei, die seit den späten 1980er‑Jahren den Ruf Newports als Bierdestination geprägt hatte, vollständig vom Markt verschwunden; ob und in welcher Form Markenrechte oder Rezepte künftig noch einmal genutzt werden, ist bislang offen.​

Der Einschnitt kam abrupt: Am Morgen des 14. November erhielten die Beschäftigten eine kurze Nachricht, wonach der Betrieb mit sofortiger Wirkung einzustellen sei; bereits zuvor war der hauseigene Brennereibetrieb aufgegeben worden. Im Hintergrund hatten sich finanzielle Schieflagen über Jahre aufgebaut: Rogue war mit mehreren Hunderttausend Dollar Miete beim Hafen von Newport im Rückstand, zusätzlich standen Steuerschulden in fünfstelliger Höhe in den Büchern. Branchenbeobachter verweisen zugleich auf sinkende Absätze im Craftbier‑Segment in Oregon seit der Pandemie, in deren Verlauf Dutzende Brauereien, Taprooms und Brewpubs im Bundesstaat schließen mussten.​

Die Entwicklung reiht sich ein in eine Welle von Schließungen in den Vereinigten Staaten, die besonders deutlich in Kalifornien sichtbar wird. In San Leandro bereitet 21st Amendment Brewery, vor 25 Jahren als Craft‑Pionier im Raum San Francisco gestartet, die Stilllegung ihres Produktionsstandorts vor; mit dem Ende der Brauerei gehen Dutzende Arbeitsplätze verloren. Auch hier führten rückläufige Bierverkäufe, steigende Kosten für Rohstoffe und Verpackung sowie der Wettbewerb durch Dosen‑Cocktails und Hard Seltzer zu einer angespannten Lage, die eskalierte, als ein wichtiger Kreditgeber die Finanzierung beendete.​

21st Amendment hatte erst vor wenigen Jahren auf Expansion gesetzt, als die Produktion in ein groß dimensioniertes Werk im früheren Kellogg‑Gebäude von San Leandro verlegt wurde, um den nationalen Vertrieb zu sichern. Nach der Pandemie jedoch brach das Wachstum weg, der Absatz soll seit 2021 jährlich deutlich zweistellig gesunken sein; hinzu kamen Schwierigkeiten mit Zulieferern von Dosenmaterial sowie eine nur teilweise ausgelastete Gastronomie am ursprünglichen Standort unweit des Baseball‑Stadions in San Francisco. Die Schließungsankündigung steht für viele mittelgroße Craftbrauereien, deren Geschäftsmodell zwischen lokaler Nische und industrieller Skalierung zerrieben wird.​

Intakte Chancen für Anchor

Ein Gegenbild bietet, zumindest perspektivisch, Anchor Brewing in San Francisco, deren Geschichte seit Jahrzehnten von Eigentümerwechseln geprägt ist. Die Traditionsbrauerei, Ende der 1960er‑Jahre von Fritz Maytag übernommen und aus der Krise geführt, ging 2010 an eine Investmentgesellschaft und 2017 an den japanischen Braukonzern Sapporo über. Nach einem umstrittenen Rebranding und anhaltendem Absatzrückgang stellte Sapporo den Betrieb im Sommer 2023 ein und leitete ein Liquidationsverfahren ein; ein Jahr später erwarb der Gründer des Joghurtherstellers Chobani sämtliche Vermögenswerte und kündigte an, Marke und klassisches Erscheinungsbild wiederzubeleben, auch wenn konkrete Pläne für eine Wiederaufnahme des Braubetriebs bislang nur skizzenhaft vorliegen.​

Im Vergleich zu Rogue in Newport und 21st Amendment in San Leandro zeigt Anchor Brewing, wie eng die Zukunft selbst etablierter Marken an kapitalkräftige Eigentümer, flexible Strukturen und die Bereitschaft gekoppelt ist, Produktions‑ und Vertriebsmodelle den veränderten Konsumgewohnheiten anzupassen. Während in Oregon und der Bay Area traditionsreiche Betriebe endgültig vom Markt verschwinden, deutet sich in San Francisco ein Neuanfang unter einem branchenfremden Investor an, der vor allem das symbolische Gewicht der Marke betont. Für die amerikanische Craftbier‑Landschaft bleibt damit offen, ob künftig eher Konsolidierung und Markenpflege durch große Kapitalgeber dominieren oder ob regional verankerte Brauereien im kleineren Maßstab neue Antworten auf die strukturelle Krise des Marktes finden.

https://sfstandard.com/2025/12/05/anchor-brewing-san-francisco-steam-be…