Bierkonsumenten-Union fürchtet um regionale Spezialitäten

von Conrad Seidl 11/02/2026
Nachrichten
Bierkonsumenten-Union fürchtet um regionale Spezialitäten

Die European Beer Consumers Union (EBCU) warnt vor einem tiefgreifenden Wandel des europäischen Biermarktes und sieht traditionelle Bierstile unter wachsendem Druck. Vor dem Hintergrund sinkender Ausstoßmengen, steigender Kosten und einer anhaltend schwachen Gastronomie mahnt der Dachverband der Bierkonsumenten-Organisationen, dass sich die Bierlandschaft in Europa strukturell verändert und insbesondere kleinere, regional verwurzelte Brauereien mit unsicheren Perspektiven konfrontiert sind. In ihrer aktuellen Stellungnahme zu Brauereischließungen und dem sich wandelnden Markt skizziert die Organisation nicht nur die Risiken für die Vielfalt der Bierkultur, sondern richtet auch konkrete Vorschläge an die Brauwirtschaft.

Aus Sicht der EBCU ist der Rückgang von Produktion und Konsum seit mehreren Jahren kein vorübergehender Ausschlag, sondern ein Trend, der inzwischen nahezu alle Segmente erfasst hat. EU-weit sind die Bierproduktion und die Exporte seit 2019 rückläufig, während der Marktanteil der Gastronomie am Bierabsatz von etwa einem Drittel auf ungefähr ein Viertel geschrumpft ist. Vor allem Pubs, Bars und Restaurants, die für Brauereien hohe Wertschöpfung generieren und lokale Arbeitsplätze sichern, gelten als Schwachstelle in der Kette, da höhere Kosten, verändertes Konsumverhalten und eine Verschiebung hin zum Heimkonsum die Einnahmen begrenzen. Parallel dazu stagniert die Zahl der Brauereien in der EU um rund 9.700 Betriebe, nachdem zuvor über Jahre ein kontinuierlicher Zuwachs zu verzeichnen war.​

Jede Woche schließen drei Brauereien

Besonders deutlich zeigen sich die Spannungen derzeit im Vereinigten Königreich, wo Branchenverbände von einer möglichen „Überlebenskrise“ für unabhängige Brauereien sprechen. Nach Daten des SIBA UK Brewery Tracker sank die Zahl der britischen Brauereien allein im Jahr 2025 von 1.715 auf 1.578 Betriebe, was einer Nettoschließungsrate von nahezu drei Brauereien pro Woche entspricht. Als wesentliche Belastungsfaktoren nennt der Verband die Steuerlast kleiner Hersteller, zunehmende Marktkonzentration durch Übernahmen und den eingeschränkten Zugang unabhängiger Brauereien zu Zapfhähnen in Pubs. Vor diesem Hintergrund richtet die EBCU den Blick auf die Folgen solcher Entwicklungen für Verbraucher, Tourismus und regionale Identität und versucht, die Debatte zu versachlichen.

In ihrer Stellungnahme hebt die EBCU vor allem die Gefährdung traditioneller Bierstile hervor, die eng mit bestimmten Regionen und Ausgehszenen verbunden sind. Wörtlich heißt es: „One risk we want to highlight is that if volumes keep falling, Europe’s most local and diverse beer traditions can be the first to suffer, especially those tied to pubs and regional tourism. Alongside lager heritage, EBCU will also keep an eye on living traditions like cask-conditioned beer in the UK, farmhouse and mixed-fermentation beers in Belgium and France, and local specialties like Polish Grodziskie. Europe’s beer culture can remain diverse and vibrant in a lower-volume world, but it will require adaptation, cooperation, and an honest conversation between breweries, venues, policymakers, and consumers about what the new market looks like.“ Zusammengefasst warnt der Verband, dass bei weiter sinkenden Absatzmengen besonders lokale und vielfältige Biertraditionen bedroht sind, vor allem dort, wo sie eng mit Pubs und regionalem Tourismus verbunden sind; gleichzeitig betont er, dass Vielfalt in einem Markt mit geringeren Volumina nur durch Anpassung, Zusammenarbeit und einen offenen Dialog zwischen Brauereien, Gastgebern, Politik und Konsumenten zu sichern ist.​

Um traditionellen Bierstilen und kleineren Brauereien eine Perspektive zu geben, richtet die EBCU drei wesentliche Handlungsempfehlungen an die Brauwirtschaft: 

- Erstens fordert der Verband, die eigene Sortimentspolitik zu überprüfen und bewusst Raum für regionale Spezialitäten sowie charaktervolle Biere zu lassen, statt das Angebot einseitig an wenigen, stark standardisierten Produkten auszurichten. Damit sollen lokale Bierstile sichtbar geblieben und nicht durch rein volumenstarke Marken aus den Regalen und von den Zapfhähnen verdrängt werden.

- Zweitens legt die EBCU Brauereien nahe, enger mit der Gastronomie zusammenzuarbeiten, um stabile und für beide Seiten verlässliche Partnerschaften zu entwickeln. Dies umfasst etwa langfristige Bezugsvereinbarungen, gemeinsame Veranstaltungen oder abgestimmte Sortimente, die es Pubs und Restaurants ermöglichen, regionale Biere kontinuierlich anzubieten und deren Absatz planbarer zu gestalten.

- Drittens plädiert der Verband dafür, dass Brauereien aktiver das Gespräch mit Politik und Regulierungsbehörden suchen, um auf die Bedeutung von Rahmenbedingungen wie Steuerpolitik, Verbraucherschutz und Wettbewerbsrecht für die Vielfalt von Bierstilen hinzuweisen. Ziel ist es, ein regulatorisches Umfeld mitzugestalten, in dem kleinere und mittelgroße Betriebe angesichts steigender Kosten und zunehmender Konsolidierung weiter wirtschaftlich arbeiten können.

Die Vorschläge der EBCU richten sich nicht allein an die Produzenten, sondern implizieren auch eine stärkere Verantwortung der Konsumenten. In ihrem aktualisierten Manifest betont die Organisation das Recht der Verbraucher auf eine breite Auswahl an Bieren und auf transparente Informationen, die ihnen eine fundierte Entscheidung über Geschmack, Herkunft und Herstellungsweise ermöglichen.

Der Verband verweist zudem darauf, dass der Markt zwar insgesamt schrumpft, alkoholfreie Biere jedoch zu den wenigen Segmenten gehören, die in den vergangenen Jahren gewachsen sind, was auf veränderte Konsumgewohnheiten und ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein schließen lässt. In der Kombination aus sinkendem Gesamtvolumen, neuen Verbraucherpräferenzen und einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld sieht die EBCU einen Anstoß, die europäischen Biertraditionen nicht als statisches Kulturgut, sondern als wandelbares Gefüge zu begreifen, das aktiv gepflegt und weiterentwickelt werden muss.

https://www.ebcu.org/blog/2026/02/10/statement-on-brewery-closures-and-…