Budweiser Budvar ist seit 100 Jahren im Prater daheim

von Conrad Seidl 27/05/2026
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Budweiser Budvar ist seit 100 Jahren im Prater daheim

Wien - Im Wiener Prater hat man sich an Jubiläen gewöhnt, doch dieses Jahr fällt eines ins Auge, das weder mit Staatsgründungen noch mit politischen Umbrüchen zu tun hat, sondern mit einem Bier, das seit einem Jahrhundert zuverlässig in die Gläser fließt. Das Schweizerhaus, seit Jahrzehnten Fixpunkt des Wiener Gastgartenlebens, begeht heuer 100 Jahre kontinuierlicher Ausschank von Bieren der staatlichen Brauerei Budweiser Budvar – eine Konstanz, die in einer Branche, in der Lieferverträge und Markenbindungen häufig wechseln, bemerkenswert wirkt.

Begonnen hat diese Beziehung in einer Zwischenkriegszeit, in der sich das junge tschechoslowakische Staatswesen und die Erste Republik Österreich wirtschaftlich neu orientieren mussten. Dass ausgerechnet ein südböhmisches Lagerbier die Bierleitungen eines Praterlokals dauerhaft prägen würde, war damals keine zwingende Entwicklung, sondern nach Darstellung der Beteiligten eher Ergebnis einer Verkettung von Zufällen und persönlicher Kontakte. Karl Kolarik senior erzählt gerne, dass sein Großvater und sein Vater, die aus dem Fleischereigewerbe kamen und das Schweizerhaus erst kürzlich als Nebenbetrieb übernommen hatten, 1926 auf der Reise zu einer Landwirtschaftsmesse waren. Am Abend hatten sie in einem Lokal jeweils große Mengen eines ihnen unbekannten Bieres getrunken - und erst dann erfahren, dass dieses so bekömmliche Bier aus der Budweiser Budvar Brauerei gekommen ist. Woraufhin sie dieses Bier auch in Wien auszuschenken begonnen haben. 

Im Laufe der Jahrzehnte wurde aus dieser Lieferbeziehung ein Element der Identität des Hauses, das die Familie Kolarik seit den 1920er Jahren führt und aus einem schlichten Praterlokal einen groß dimensionierten Saisonbetrieb gemacht hat.

Das Jubiläum wird in der laufenden Saison mit einer eigenen Festwoche begangen, einer Sonderabfüllung und verschiedenen Aktionen, die von Betreiberseite als „Zeichen der Beständigkeit“ beschrieben werden. Seit Mitte April wird ein eigens aufgelegtes Jubiläumsbier ausgeschenkt, solange der Vorrat reicht, womit der Brauereipartner aus České Budějovice auch technisch dokumentiert, dass diese Kooperation mehr ist als ein Marketingmotiv. Parallel dazu verweist die Gastronomie des Hauses auf ein Preisniveau, das trotz gestiegener Kosten stabil gehalten werden soll, um Stammgäste nicht mit dem Jubiläum alleine zu lassen.

Die feierliche Note erhielt das Wochenende zu Pfingsten, als sich Vertreter der Wiener Stadtpolitik, der tschechischen Diplomatie, der Wirtschaftskammer und der Brauerei gemeinsam mit der Betreiberfamilie im Prater einfanden. Unter den Gästen waren der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, der tschechische Botschafter Jiří Šitler, Budvar-Generaldirektor Petr Dvořák, Wirtschaftskammer-Präsident Walter Ruck und der als „Bierpapst“ bekannte Bierguide-Autor Conrad Seidl – eine Zusammensetzung, die signalisiert, dass hier nicht nur ein lokales Gastronomenjubiläum begangen wurde, sondern eine grenzüberschreitende Wirtschaftspartnerschaft.

Qualitätssiegel "Czech Specials"

Für die Botschaft der Tschechischen Republik in Wien bot die Feier Gelegenheit, die Rolle des Bieres als Kulturfaktor zu betonen. In ihrem Bericht heißt es, „wenn absolute Qualität und familiäre Leidenschaft aufeinandertreffen, entsteht eine Tradition für die Ewigkeit“, und weiter: „Budvar ist ein Stück tschechischer Identität im Glas – und die Familie Kolarik hütet diesen Schatz im Prater seit nunmehr einem Jahrhundert.“ Die Wortwahl knüpft an eine seit Jahren gepflegte Erzählung an, nach der tschechisches Lagerbier nicht nur als Konsumgut, sondern als Träger eines bestimmten Verständnisses von Handwerk und Gastlichkeit verstanden werden will.

Konkrete politische Symbolik erhielt die Veranstaltung durch die Verleihung des tschechischen nationalen Gastro-Qualitätssiegels „Czech Specials“ an das Schweizerhaus. Die Auszeichnung ist in Tschechien Teil einer offiziellen Initiative zur Förderung der landestypischen Küche und wird laut Tourismusbehörden an Betriebe vergeben, die bestimmte Kriterien in Küche, Service und Bierpflege erfüllen. Dass das Schweizerhaus als erstes Restaurant außerhalb Tschechiens dieses Siegel erhält, verweist sowohl auf den hohen Anteil tschechischer Gerichte auf der Karte – vom Signature-Dish Stelze über das Gulasch bis zu Schweinsbraten mit Kraut – als auch auf die konsequente Ausrichtung der Bierkultur an böhmischen Vorbildern.

Größter Ausschank außerhalb Tschechiens

Die wirtschaftliche Dimension der Zusammenarbeit ist nicht nur symbolischer Natur, sondern auch quantitativ erfassbar. Nach Angaben der Botschaft handelt es sich beim Schweizerhaus um den Ort, an dem „weltweit das meiste Budweiser außerhalb Tschechiens gezapft wird“ – eine Aussage, die sich mit den Kapazitäten des Betriebs deckt: mehrere Gasträume und ein Garten mit zusammen mehr als 2.000 Plätzen, geöffnet von März bis Oktober, mit einer Belegschaft von rund 180 Personen in der Saison. Für Budvar bedeutet die Präsenz im Prater einen stabilen Absatzmarkt, der in vielen Jahren unabhängig von Exportschwankungen geblieben ist.

Dass die Hundert-Jahres-Marke ausgerechnet 2026 erreicht wird, fügt sich in ein Jahr, in dem die Beziehungen zwischen Österreich und Tschechien durch weitere historische Daten gerahmt werden. Beide Staaten erinnern an die Ereignisse von 1926, als sich nach den unmittelbaren Nachkriegsjahren der bilaterale Handel neu formierte, und an spätere Phasen, in denen Grenzregime, Währungen und Zollordnungen mehrfach verändert wurden. Vor diesem Hintergrund ist die Kontinuität einer Lieferbeziehung zwischen einer staatlichen Brauerei in Südböhmen und einem privat geführten Betrieb im Wiener Prater ein Detail, das die Stabilität alltäglicher Verflechtungen illustriert.

Die Betreiberfamilie betont in ihren Stellungnahmen die Mischung aus Verlässlichkeit und Anpassung, die ein solcher Betrieb erfordere. Während am Grundprinzip des frisch gezapften Lagerbiers aus Budweis nicht gerüttelt wurde, haben sich sowohl Speisenangebot als auch organisatorische Abläufe verändert, um veränderten Gästeströmen und gesetzlichen Vorgaben Rechnung zu tragen. Dazu gehört etwa die Modernisierung der Zapftechnik, die Einbindung von Schulungen zur Bierpflege und der Umgang mit einer wachsenden Zahl internationaler Gäste, die das Schweizerhaus als Teil eines Wien-Besuchsprogramms verstehen.