Nürnberg/Berlin - Deutschlands 14 Großbrauereien (mit einer jährlichen Produktion von mehr als einer Million Hektolitern) haben im Vorjahr rund 2,5 Millionen Hektoliter Bierabsatz oder 3,6 Prozent vom Ausstoß ihres Marktes im Jahr 2024 eingebüßt. Damit haben sie sich allerdings immer noch besser geschlagen als der Gesamtmarkt, der um sechs Prozent geschrumpft ist.
Das geht aus Berechnungen der Statistikerin Christiane Hohmann von Getränke Info hervor, die Ende März vom Fachblatt Brauwelt veröffentlicht worden sind. "Konsumzurückhaltung ist zur Maxime geworden, in Deutschland wie in vielen anderen Ländern Europas. Bier gehört dabei zu den Artikeln, auf die im Handel und in der ohnehin gebeutelten Gastronomie verzichtet werden kann. Die alternde Bevölkerung, das wachsende Gesundheitsbewusstsein und der zunehmende Verzicht auf Alkohol sind weitere Ursachen für den Absatzrückgang. Zwar legt das alkoholfreie Bier eine sehr erfreuliche Entwicklung hin und erreicht mittlerweile fast zehn Prozent Marktanteil im Handel, das Volumen reicht aber nicht, um der Branche auf die Beine zu helfen", schreibt die Expertin.
Immer stärkere Konzentration
Zu den Daten: Der deutsche Biermarkt ist im Jahr 2025 so stark geschrumpft wie seit Beginn der statistischen Erfassung nicht mehr. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sank der Bierabsatz von Brauereien und Bierlagern um sechs Prozent oder 4,97 Millionen Hektoliter auf rund 78 Millionen Hektoliter und damit erstmals unter die Marke von 80 Millionen Hektolitern, was den deutlichsten Rückgang der seit 1993 geführten Zeitreihe markiert. Auch wenn die 14 größten Brauereien und Brauereigruppen ihren Ausstoß 2025 nur um rund 3,6 Prozent gegenüber 2024 reduzierten und damit besser abschnitten als der Gesamtmarkt, verschärfte sich der Druck auf mittelständische Betriebe, die überdurchschnittliche Verluste verzeichneten. Die Strukturverschiebung zugunsten größerer Anbieter setzte sich damit fort.
Von den in Deutschland produzierten Bieren blieben 82,5 Prozent im Inland und wurden versteuert; der Inlandsabsatz verringerte sich um 5,8 Prozent auf etwa 64 Millionen Hektoliter. Die verbleibenden 17,5 Prozent beziehungsweise rund 14 Millionen Hektoliter wurden steuerfrei als Export oder Haustrunk abgesetzt, was einem Minus von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Während die Ausfuhren in EU-Staaten mit 7,98 Millionen Hektolitern nur leicht nachgaben, gingen die Lieferungen in Nicht‑EU‑Staaten mit 5,53 Millionen Hektolitern deutlich zurück; hier betrug das Minus 14,2 Prozent. Der Haustrunk der Brauereien machte mit 100.000 Hektolitern nur einen kleinen Teil des Volumens aus und lag 7,2 Prozent unter dem Vorjahreswert. Das saisonale Muster blieb unverändert: höhere Absätze im Frühling und Sommer, geringere Mengen im Herbst und Winter.
Schwache Hoffnung auf alkoholfreie Biere
In der amtlichen Statistik nicht enthalten sind alkoholfreie Biere und Malztrunk, die in Branchenanalysen gesondert erfasst und auf die offiziellen Mengen aufgeschlagen werden. Dieses Segment entwickelte sich in den vergangenen Jahren deutlich dynamischer als der übrige Markt und dämpfte den Rückgang im Gesamtvolumen. Für 2025 liegen zwar noch keine vollständig konsolidierten Mengenangaben vor, Marktdaten sprechen jedoch von einem historischen Aufschwung alkoholfreier Biere und Biermischgetränke, deren Anteil am Umsatz im Handel erstmals die Grenze von zehn Prozent überschritten haben dürfte. Getrieben wird diese Entwicklung durch bekannte Marken, neue Sorten sowie verbesserte Herstellungsverfahren, mit denen Brauereien auf veränderte Konsumgewohnheiten reagieren. Das alkoholfreie Bier hat sich damit binnen weniger Jahre zu einer festen Größe auf dem Markt entwickelt und nimmt mit einem Marktanteil von knapp unter zehn Prozent bereits einen Platz unter den wichtigsten Sortenkategorien ein.
Regional fallen die Einbußen unterschiedlich aus. Die vom Statistischen Bundesamt nach Bundesländern ausgewiesenen Daten zeigen überall rückläufige Mengen, jedoch mit sehr unterschiedlicher Ausprägung. In Baden‑Württemberg, Berlin/Brandenburg, Hessen sowie Schleswig‑Holstein/Hamburg lagen die Rückgänge im zweistelligen Prozentbereich, während in Sachsen‑Anhalt und Thüringen nur moderate Verluste gemeldet wurden. In Bayern, das im Vorjahr noch einen Zuwachs von 1,6 Prozent verzeichnet hatte, sank der Ausstoß 2025 um 5,4 Prozent im Inland und Ausland zusammen. Der Bayerische Brauerbund verweist in seiner Bilanz auf demografische Entwicklungen, eine veränderte Trinkkultur und eine spürbare Konsumzurückhaltung auch in wichtigen Exportländern als zentrale Gründe für die Trendwende. In Nordrhein‑Westfalen meldet der dortige Brauereiverband sogar ein historisches Absatztief und beschreibt das Jahr 2025 angesichts reduzierten Alkoholkonsums, Zurückhaltung in der Gastronomie, starkem Preis- und Wettbewerbsdruck im Lebensmittelhandel sowie hohen Energiepreisen als besonders belastend.
Harter Kampf um Marktanteile der Braukonzerne
Die größten Brauereien und Brauereigruppen konnten sich dem Abwärtstrend nur teilweise entziehen. Nach brancheneigenen Erhebungen sank ihr gemeinsamer Ausstoß 2025 um 3,6 Prozent auf knapp 67,6 Millionen Hektoliter, wovon etwa 54,7 Millionen Hektoliter auf das Inland und 12,9 Millionen Hektoliter auf den Export entfielen.
Den stärksten Rückgang weist die von Hohmann in der Brauwelt veröffentlichte Tabelle für die Oettinger Gruppe aus. Ihr Ausstoß soll demnach von 6,6 auf 6 Millionen Hektoliter geschrumpft sein. Das entspricht einem Rückgang von 9,1 Prozent. Noch zu Beginn des Jahrzehnts hatte Oettinger acht Millionen Hektoliter gebraut.
Marktführende Gruppen wie Radeberger und AB InBev nutzen ihr breites Markenportfolio, um Rückgänge im Kernsegment zu kompensieren.
Bei Radeberger glich etwa das alkoholfreie Jever Fun das Minus beim klassischen Pils teilweise aus, während bei AB InBev die Marke Beck’s durch umfangreiche Verkäufe zu Aktionspreisen nur leicht nachgab. Die Krombacher‑Gruppe berichtete für ihre Hauptmarke Krombacher mit 5,702 Millionen Hektolitern einen leicht steigenden Ausstoß; Wachstumsträger waren erneut alkoholfreie Varianten wie Krombacher 0,0 Prozent Pils, alkoholfreie Radler sowie Fassbrausen. Ähnlich verweist die Bitburger‑Gruppe darauf, dass vor allem die konsequent umgesetzten Preiserhöhungen zu Absatzverlusten beigetragen hätten, während das alkoholfreie 0,0‑Sortiment beim Umsatz zweistellige Zuwächse erzielt habe.
Einzelne Anbieter meldeten gegenläufige Entwicklungen. Die Paulaner‑Gruppe erhöhte ihren Getränkeabsatz 2025 insgesamt um 2,3 Prozent und legte sowohl im Inlands- als auch im Auslandsgeschäft zu. Besonders stark entwickelte sich das Segment der Hellen, allen voran Paulaner Münchner Hell, das deutlich zulegte; auch im Weißbiersegment lag die Marke nach eigenen Angaben über dem Marktdurchschnitt. Die Veltins‑Brauerei steigerte ihren Ausstoß leicht auf 3,37 Millionen Hektoliter und begründet die stabile Entwicklung mit einem breiten Sortiment, das Rückgänge beim Stammprodukt Veltins Pils teilweise ausgleicht. Wachstum meldet das Unternehmen vor allem für das Produkt Pülleken sowie für das alkoholfreie Segment mit zweistelligen Zuwächsen; die Exporte blieben mit Schwerpunkten in Italien, Spanien, den Niederlanden, Großbritannien und den USA in etwa konstant.
Die Haus‑Cramer‑Gruppe (Warsteineer) schließlich verzeichnete 2025 einen Absatzrückgang von 1,9 Prozent und damit einen deutlich geringeren Verlust als der Gesamtmarkt; Zuwächse im Exportgeschäft und im Lohnbraubereich sowie steigende Mengen bei alkoholfreien Sorten, darunter Warsteiner Alkoholfrei 0,0 Prozent, trugen zu dieser Bilanz bei. Im langfristigen Vergleich wird aber deutlich, dass Warsteiner weit hinter seinen vor 35 Jahren erhobenen Anspruch, Branchenprimus zu sein, zurückgefallen ist - damals wurde die Brauerei am Standort Warstein auf eine Kapazität von sieben Millionen Hektolitern geplant.
Für viele mittelständische Brauereien stellt die aktuelle Lage eine Zäsur dar. Während große Gruppen über Skalen- und Marketingeffekte verfügen und stark in das wachsende Segment alkoholfreier Biere investieren, geraten kleinere Anbieter ohne entsprechende Ressourcen stärker unter Druck. Die Kombination aus sinkender Pro‑Kopf‑Nachfrage, veränderter Sortenpräferenz, hohen Kosten und einem intensiven Wettbewerb im Handel verschärft die Strukturprobleme des Marktes. Schon in den vergangenen Jahren war die Zahl der Brauereien rückläufig; der anhaltende Volumenverlust dürfte diesen Trend verstärken. Wie rasch sich der Markt stabilisieren kann, hängt von der Konsumentwicklung im Inland, der Erholung der Gastronomie und der Nachfrage in wichtigen Exportregionen ab – und davon, in welchem Umfang es den Betrieben gelingt, jenseits des klassischen Vollbieres neue Zielgruppen zu erreichen.
https://brauwelt.com/de/themen/markt/649168-erhebliche-herausforderunge…