Oh, mon Dieu! Franzosen trinken jetzt mehr Bier als Wein

von Conrad Seidl 27/05/2026
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Oh, mon Dieu! Franzosen trinken jetzt mehr Bier als Wein

Paris - Im Land, das seinen Ruf als Weinproduzent über Jahrzehnte kultiviert hat, verschieben sich die Gewichte im Glas. Erhebungen der vergangenen Jahre zeigen, dass Bier in Frankreich nach Menge und teils auch nach Umsatz den Wein im Alltag der Konsumenten übertroffen hat. In Supermärkten liegt der Marktanteil von Bier beim Verkauf alkoholischer Getränke inzwischen über jenem der Stillweine, und Haushaltsstudien weisen aus, dass pro Kopf mehr Liter Bier als Wein konsumiert werden. Damit bestätigt sich ein Trend, der seit gut anderthalb Jahrzehnten beobachtet wird: Der Weinkonsum geht zurück, während Bier – einschließlich Mischgetränken – an Bedeutung gewinnt

Erstaunte Beobachter in den Medien

Der Schweizer Tagesanzeiger spricht von einer "Französischen Revolution", französische Medien begleiten diesen Wandel mit einer Mischung aus Erstaunen und Pragmatismus. „Oh, mon Dieu! Pour la première fois depuis le début des relevés, les Français se tournent plus volontiers vers la bière que vers le vin“, heißt es in einem Beitrag des Senders Euronews. „Oh, mein Gott! Zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen greifen die Menschen in Frankreich lieber zu Bier als zu Wein“, lautet die sinngemäße Übersetzung. Die Formulierung greift eine verbreitete Redewendung auf und markiert zugleich den Bruch mit einer Erwartung, die lange Zeit als selbstverständlich galt.

Die Zahlen der Marktforschungsunternehmen zeichnen ein nüchternes Bild. Der Anteil von Stillwein am Alkoholverkauf im französischen Lebensmitteleinzelhandel ist seit 2007 deutlich gesunken, während Bier seinen Marktanteil sowohl nach Volumen als auch nach Wert ausgebaut hat. Nach Daten von IRI Worldwide entfielen 2007 noch über 42 Prozent des Alkoholverkaufs in Supermärkten auf Stillwein, 2022 lag dieser Wert bei gut 31 Prozent, während Bier im gleichen Zeitraum von rund 36 auf über 51 Prozent stieg. Parallel weisen Verbraucherstudien darauf hin, dass Haushalte im Schnitt rund 26 Liter Bier im Jahr kaufen und damit inzwischen mengenmäßig vor Wein liegen, dessen durchschnittlicher Konsum etwas darunter liegt.

Die Ursachen liegen nicht nur in geschmacklichen Vorlieben, sondern in einer veränderten sozialen und wirtschaftlichen Umgebung. Frankreich erlebt wie andere europäische Länder einen Rückgang des gesamten Alkoholkonsums, wobei Wein stärker betroffen ist als andere Getränke. Während der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier seit Jahren um etwa 30 bis gut 33 Liter stagniert, ist der Weinkonsum im historischen Vergleich spürbar gefallen. Branchenverbände erinnern daran, dass Franzosen um 1960 im Schnitt noch über 120 Liter Wein im Jahr tranken, während es heute deutlich weniger als 40 Liter sind.

Hinzu kommt der Preis. Für viele Haushalte ist Bier die kostengünstigere Option: Ein Liter Bier kostet im Schnitt deutlich weniger als ein Liter Wein. In Zeiten, in denen auch in Frankreich die Kaufkraft unter Druck steht, wirkt dieser Unterschied im Alltag spürbar. Händler berichten, dass Kunden eher zu einem preislich überschaubaren Sechserpack greifen als zu einer Flasche, deren Anschaffung als bewusster Genussakt wahrgenommen wird. Die Verschiebung im Einkaufswagen spiegelt somit auch eine Verschiebung zwischen Alltagsgetränk und Anlassprodukt.

Eine zentrale Rolle spielt die Altersstruktur. In Umfragen erklären vor allem jüngere Erwachsene, sie bevorzugten Bier bei geselligen Anlässen oder verzichteten ganz auf Alkohol. Bei den unter 35-Jährigen entfällt ein deutlich größerer Anteil der Ausgaben für alkoholische Getränke auf Bier als auf Wein. Wein verliert gerade in dieser Gruppe Marktanteile, während Bier als unkompliziertes Getränk gilt, das sich leicht teilen lässt und dessen Alkoholgehalt als moderat wahrgenommen wird. In jährlichen Befragungen, etwa der Marketinggesellschaft Sowine, führt Bier inzwischen die Liste der beliebtesten alkoholischen Getränke an, wenn auch mit geringem Abstand zum Wein.

Gleichzeitig wird in Frankreich um die kulturelle Rolle des Weins gerungen. „Repas sans vin, repas chagrin“, zitiert Euronews eine alte Formel: „Ein Essen ohne Wein ist ein mageres Essen“, lautet die Übersetzung, die an eine Gewohnheit erinnert, die in vielen Familien nicht mehr durchgängig gepflegt wird. Der Satz verweist darauf, dass der Rückgang des Weins nicht nur eine Frage des Budgets, sondern auch der Alltagskultur ist.

Rebflächen gerodet

Der Wandel der Trinkgewohnheiten bleibt nicht ohne Folgen für die Produktion. In traditionellen Weinregionen, etwa rund um Bordeaux, werden Rebflächen gerodet, weil sich die bisherigen Absatzmengen nicht mehr erzielen lassen. Produzenten und Verbände versuchen, mit neuen Vermarktungsstrategien zu reagieren, vom biologischen Ausbau bis zu leichteren Weinstilen, die an veränderte Konsummuster angepasst sind. Zugleich verweisen Branchenvertreter darauf, dass der Rückgang im Inlandsgeschäft teilweise durch Export kompensiert wird, im Binnenmarkt jedoch die Rolle des Weins im Alltag schwindet.

Während die Weinwirtschaft nach Wegen sucht, sich in einem veränderten Markt zu behaupten, profitiert die Braubranche von der neuen Aufmerksamkeit. Frankreich verzeichnet seit Jahren eine Zunahme kleiner und regionaler Brauereien, die den Markt mit vielfältigen Bierstilen bereichern. In Supermärkten und Bars stehen neben internationalen Marken lokale und handwerklich produzierte Biere, die sich an ein Publikum richten, das Wert auf Herkunft und Stil legt, aber den ritualisierten Rahmen des klassischen Weintrinkens nicht zwingend sucht. Dennoch bleibt Frankreich im europäischen Vergleich beim Pro-Kopf-Bierkonsum eher im unteren Bereich, was darauf hinweist, dass es sich um eine Verschiebung innerhalb eines insgesamt nüchterner gewordenen Umfelds handelt.

Wein kein Alltagsgetränk mehr

Die kulturelle Bedeutung des Weins als Teil der französischen Identität steht damit nicht unmittelbar zur Disposition, wird aber neu verhandelt. Wein behält seine Funktion in der Gastronomie, bei festlichen Anlässen und als Symbol regionaler Vielfalt, doch als Alltagsgetränk verliert er an Reichweite. Bier profitiert von einem Image, das Spontaneität und Alltagstauglichkeit betont, und von der Möglichkeit, mit alkoholärmeren und alkoholfreien Varianten auf gesundheitspolitische Debatten zu reagieren. Der Wandel der französischen Trinkgewohnheiten spiegelt somit breitere soziale und ökonomische Verschiebungen wider, in denen traditionelle Hierarchien der Getränke nicht verschwinden, aber an Bindekraft verlieren.