Washington - Die Veröffentlichung der neuen US-Ernährungsrichtlinien Anfang 2026 hat eine Auseinandersetzung über die gesundheitlichen Risiken von Alkoholkonsum ausgelöst, die nun durch eine separat publizierte Alcohol Intake and Health Study zusätzlich politisiert wird. Während die Weltgesundheitsorganisation seit ihrer Erklärung „No safe level“ dafür wirbt, schon den ersten Tropfen Alkohol als gesundheitsgefährdend zu betrachten, ziehen die für die Guidelines maßgeblichen US-Gremien aus den gleichen Datenbeständen andere Schlüsse. Die Anti-Alkohol-Lobby ist verärgert - und viele Medien meinen, nun wieder einen Skandal der Trump-Regierung entdeckt zu haben. Nur: Der Vorwurf stimmt nicht, wie das Fachmagazin Brauwelt berichtet.
Die Dietary Guidelines der US-Regierung raten den Bürgern in ihrer jüngsten Fassung dazu, zur besseren Gesundheit weniger Alkohol zu trinken, verzichten aber ausdrücklich auf konkrete Angaben für als unbedenklich geltende Höchstmengen. Dies steht im Kontrast zu europäischen Institutionen, die in jüngster Zeit ihre Empfehlungen eher verschärft und sich eng an die WHO-Formel „no safe level“ angelehnt haben. Ein von den National Academies of Sciences, Engineering and Medicine eingesetztes Expertengremium kam im Auftrag der US-Regierung zu dem Befund, dass moderater Konsum gegenüber strikter Abstinenz mit einem geringeren Sterberisiko verbunden sein kann, gleichzeitig aber bestimmte Erkrankungen – etwa einige Krebsarten – häufiger auftreten. Studienleiter Ned Calonge, Epidemiologe an der University of Colorado Anschutz, betonte gegenüber US-Medien, unterschiedliche Modellannahmen könnten plausibel zu divergierenden Bewertungen derselben Datenlage führen.
Biden-Vertraute machen Trump Vorwürfe
Für Aufsehen sorgte eine Gruppe ehemaliger Mitarbeiter der Biden-Administration, die ihre Alcohol Intake and Health Study am 9. Juni unabhängig veröffentlichte und in einem Begleittext behauptete, die Trump-Regierung habe diese Arbeit aus Rücksicht auf die Alkoholindustrie unterdrückt. Die Autoren leiten aus ihren Analysen ab, dass das gesundheitliche Risiko bereits ab einem Drink pro Tag kontinuierlich steigt und sehen darin eine Bestätigung der WHO-These, wonach es keine sichere Schwelle des Konsums gebe. Mehrere US-Medien griffen die Darstellung auf und zeichneten das Bild einer wissenschaftsfeindlichen Regierung, die missliebige Erkenntnisse aus dem Ernährungsdiskurs herausgehalten habe.
Die politische Dramaturgie verdeckt, dass die Studie nach Einschätzung eines Kongress-Ausschusses nie Teil des offiziellen Beauftragungsweges war und methodische Mängel aufweist, die eine Berücksichtigung für die Guidelines ausschlossen. Der Ausschuss kam im vergangenen Jahr zu dem Schluss, die Arbeit sei voreingenommen und wissenschaftlich nicht belastbar genug, um als Grundlage für nationale Empfehlungen zu dienen. Auch die Behauptung, Ministeriumsstellen seien gestrichen und ganze Forschungsabteilungen aufgelöst worden, findet sich in den verfügbaren Unterlagen nicht wieder. Gleichwohl illustriert der Vorgang, wie sich der Streit um gesundheitspolitische Grenzwerte mit parteipolitischen Konflikten und wirtschaftlichen Interessen überlagert.
Im Hintergrund steht die Grundsatzfrage, ob aus dem Fehlen einer eindeutig „risikofreien“ Konsummenge zwangsläufig folgt, dass jede Menge gleichermaßen politisch als inakzeptabel gelten sollte. Während WHO und mehrere europäische Fachgesellschaften in ihren jüngsten Stellungnahmen eine praktisch nullorientierte Norm setzen, bewegen sich die US-Guidelines in einem Kontinuum relativer Risikoabwägung und formulieren nur die allgemeine Empfehlung, den Konsum zu begrenzen. Die aktuelle Kontroverse um die US-Studie zeigt, wie schnell sich differenzierte epidemiologische Befunde in zugespitzte Botschaften verwandeln, wenn wissenschaftliche Unsicherheit mit politischem Misstrauen zusammentrifft.
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